 sich nicht müde sehen.
    Fiordimona jauchzte vor Freude in das allgewaltige Leben hinein und rief
außer sich unter dem brausenden Ungestüm: »Es ist ein Kunstwerk so vollkommen in
seiner Art als irgend eins vom Homer, Pindar oder Sophokles, Praxiteles und
Apelles, wozu Mutter Natur Stoff und Hand lieh.«
    Gewiss aber lässt es sich mit keinem andern vergleichen und ist einzig in
seiner Art; die große Natur der herrlichen Gebirge herum, der frische Reiz und
die liebliche Zierde der den Sturz vor dem Fall umfassenden Bäume, das einfache
Ganze, was das Auge so entzückt, auf einmal ohne alle Zerstreuung, so wollüstig
verziert und doch so völlig wie kunstlos, nährt des Menschen Geist wie lauter
kräftiger Kern.
    Wir saßen alsdenn wieder auf und ritten dem Velino oben weiter entgegen, bis
wir eine kleine Stunde vor dem Sturz an seinen See kamen, worin er sich
klarwäscht. Die Mannigfaltigkeit des Stroms von hier aus, der bald langsamere,
bald schnellere Lauf, das mit schöner Waldung eingefasste Bett überall, der See
in seiner Rundung von einem Amphiteater sich nacheinander verlierender höchster
Gebirge umlagert; alles, das fruchtbare Tal der Szene, der ehemalige Streit der
Nachbarn um ihn, macht diesen Wasserfall immer wunderbarer und ergreifender.
    Man hat ihn schon abgemalt und zeigte mir gestern bei unsrer Ankunft die
Kopie von dem Original. Aber gemalt bleibt er immer ein armseliges Fragment ohn
alles Leben, weil kein Anschauer des Gemäldes, der die Natur nicht sah, sich
auch mit der blühendsten Phantasie das hinzuzudenken vermag, was man nicht
andeuten kann. Und überhaupt ist es Frechheit von einem Künstler, das vorstellen
zu wollen, dessen Wesentliches bloß in Bewegung besteht. Tizian zeigt klüglich
allen Wasserfall nur in Fernen an, wo die Bewegung sich verliert und
stillezustehen scheint.
    Terni selbst, das Vaterland des Geschichtschreibers Tacitus, liegt äußerst
angenehm zwischen lauter Gärten. An der Nordseite erhebt sich noch ein Bogen von
Hügeln mit lustigen Landhäusern, meistens zwischen Ölbäumen, die einen kleinen
Wald ausmachen.
    Aus der Nera, worin der Velino seinen Namen verliert, werden eine Menge
Kanäle abgeleitet, die die Stadt und alles Land herum, unter immer lebendigem
Rauschen, zur höchsten Fruchtbarkeit bewässern.
    Tivoli hatte einen so großen Reiz für die alten Römer, weil es nahe an Rom
lag, und wegen der weiten Aussicht in die Ebnen herum bis ans Meer. Es hat etwas
Feierliches, was Terni nicht hat. Aber dies hat im Grunde größere Natur um sich
her und lässt an Fruchtbarkeit mit Tivoli gar keine Vergleichung zu; dieses ist
dürres und ödes Land meistens und Terni lauter Mark.
    Die Römer verstunden zu leben! Sie genossen den wahren Reiz von jedem und
wussten zu wählen aus tausenderlei Erfahrungen. Scipio der Jüngere wählte Terni,
dessen
