 ein andres ist Schlachtfeld, ein andres Akademie! wo
unter kühlen Lauben auch zuweilen bloß angenehmes Geschwätz ergötzt, und
lyrische Verzückungen süßer Trunkenheit bei sternenheller Nacht am seligsten
machen.
    Mitten unter dieser Seelenweide legt ich mich eifrig auf die Zeichnung. Ich
fing vom neuen damit an, allerlei matematische Figuren aus freier Hand bis zur
Vollkommenheit zu entwerfen, um sie zur Sicherheit im Zuge zu bringen. Alsdenn
plagte mich Ardinghello nur kurze Zeit mit menschlichen Gerippen und ging gleich
über auf den Umriss der Teile und ihre Verhältnisse zueinander; und endlich
gelangt ich zum Lebendigen, wie aus einer trocknen Wüste zu schattichten
frischen Quellen. Wir waren schon aus der ruhigen Schönheit am
Leidenschaftlichen: als eine schreckliche Begebenheit erfolgte, die uns auf
lange trennte.
    Über die Verhältnisse des menschlichen Körpers gingen wir, außer den
Vorschriften der beiden großen Florentiner, noch ein Werk durch von dem
Deutschen Albrecht Dürer. Er sagte, wenige hätten die Theorie ihrer Kunst wohl
so innegehabt unter allen neueren Malern und Bildhauern als dieser; man fände bei
ihm ein erstaunliches Studium: aber zum Hohen und Schönen derselben sei er nicht
gelangt, weil niemand aus seiner Nation und seinem Zeitalter könne. Dies hange
außer dem Innern noch gar zuviel von Glück und Zufall ab. Wir könnten das
Lebendige nicht anders nachbilden, als bis wir es entweder selbst gelebt oder
mit unsern Sinnen in ergreifender Wirklichkeit empfunden hätten. Ohne Perikles
und Aspasia, Alkibiaden, Phrynen und ihresgleichen alt und jung: kein Phidias,
Praxiteles und Apelles. Albrecht Dürer habe den Nürnberger Goldschmiedsjungen
nie völlig aus sich bringen können; in seinen Arbeiten sei ein Fleiß bis zur
Angst, der ihm nie weiten Gesichtskreis und Erhabenheit habe gewinnen lassen:
und bloß deswegen hätte ihn Michelangelo so sehr gehasst. Seine meisten
Kompositionen wären Passionsgeschichten und Hexen und Teufel. Er als verlorner
Sohn am Troge bei Schweinen, die Trebern fressen; Proserpina, wie sie Pluto auf
einem Bocke holt; Diana, wie sie eine Nymphe mit dem Knittel bei einem Satyr
prügelt: zeigten genug seine missleitete Phantasie. Sonst sei er ein wackerer
Meister, habe Kraft und Stärke; und ein guter Kopf von richtigem Geschmack könne
viel von ihm lernen.
    Wir hatten bei unserm Leben auf dem Lande uns zum Gesetz gemacht, dass keiner
den andern in seinem Tun und Lassen stören sollte; und alles Beisammensein war
freier Wille von beiden Seiten. Wenn also einer allein sein wollte: so sagte er
es dem andern oder schloss die Tür ab. Zuweilen gingen wir miteinander, zuweilen
zog einer allein aus: und Ardinghello kam manchen Tag und manche Nacht nicht
nach Hause, ohne mir vorher zu sagen, wenn er fortging, und ohne dass es mich
befremdete. Die immer grünen, mit hohen Bäumen eingefassten Wiesen und die vielen
