 Kinn: Zeichen von Fülle und Kraft zugleich und
Reifheit der göttlichen Frucht, und nur halb eröffnete oder zugehaltne Augen,
die das Innre nicht erkennen lassen wollen, sprödiglich.
    Kurz, es ist Erscheinung eines überirdischen Wesens, von dem man nicht
begreift, wo es herkömmt; denn es hat hienieden keine Leiden ausgestanden, alles
ist zur Vollkommenheit ungestört an ihm geworden. Selbst der schönste und
edelste Jüngling unter den Sterblichen muss sich vor ihm niederwerfen; und das
Höchste, was er verlangen kann, ist ein Moment, nicht Huldigung auf ein ganzes
Leben.
    Schönheit, zur Reife gediehen und gedeihend, noch ungenossen. Das sich
regendste Leben wölbt sich sanft hervor in unendlichen Formen und macht eine
entzückende ganze. Adel, für sich bestehend, blickt aus den süßen lustseligen
Augen, ein sonnenheisser Blick von Liebesfülle; flammt die Stirn herab, schwebt
auf dem Munde, wo Stolz und Zärtlichkeit zusammenschmelzen.
    Die Mitte des Oberleibs ist kräftig und gar nicht dünn; die Schultern sind
völlig so breit wie die Hüften und gehen noch darüber hinaus, sanft vom Halse
herabgesenkt. Der Unterleib hat zwei zarte Einwölbungen, bis wo die Höhen der
Freuden sich heben. Die Schenkel steigen wie Säulen hernieder und verbergen den
Eingang der Lust mit einem gelinden Druck.
    Die Waden sind straff und voll bis an die Kniekehlen, ohne auszuschweifen.
    Sie erscheint von den Seiten her schmal und von dem Rücken breit; alles
Fleisch lebt, und nichts ist leer und müßig.
    Aus dem Ganzen spricht jungfräulicher Ernst und Stolz, nichts Lockendes; es
ist Inbegriff höchster weiblicher Liebesstärke. Sie blickt auf wie eine
Jugendgöttin, von den Edelsten angebetet.
    Sie erhält den ersten Preis unter den weiblichen antiken Schönheiten. Ihr
Gesicht schon für sich, das glücklich ganz unversehrt blieb, ergreift
unaussprechlich reizend, mehr als irgendein andres, ist gewiss ursprünglich in
der Natur selbst voll Geist und hohem eigentümlichen Wesen aufgeblüht und stammt
wahrscheinlich von einer Lais oder Phryne. Bei der Niobe und ihrer schönsten
Tochter, bei der Juno und einer kolossalischen Muse in Rom mag man mehr
Erhabenheit finden; aber sie haben den lautern Quell von Leben nicht, der den
Durst nach aller Art von Glückseligkeit im Menschen erquickend stillt. Hier ist
alles beisammen, Körperreiz und Seelenreiz, Feuer und Schnelligkeit der
Empfindung und heller ausgebildeter Verstand bei jedem Vorfall in der Welt.
    Doch was verschwend ich Worte darüber; komm und sieh! und fühle! und traure
herzinniglich, dass sie nicht den Mantel von Dir sich umwirft, Dich zu begleiten.
    Tizians Venus wird eine schlimme Nachbarin an ihr erhalten.
    Diese ist eine reizende junge Venezianerin von siebzehn bis achtzehn Jahren,
mit schmachtendem Blick, aufs weiße widerstrebende Sommerbett, im frischen
Morgenlichte, faselnackend vor innrer Glut von aller Decke und
