 nichts, was noch rührt und reizt, auszulassen, und dafür bloß
matematische Linien und Placken hinzustellen. Das Ganze wird nur nach und nach
gewonnen; das Individuelle lebendige geistige bleibt aber immer das, was den
großen Menschen von dem andern unterscheidet. Und so kann einer zwar ein
ungleich grössrer Künstler als ein andrer, aber ein weit kleinrer Mensch sein. So
war der Jupiter und die Minerva des Phidias wahrscheinlich erhabner als manches
andre Bild, das nachher ein weit natürlicher Fleisch und mehr lebendiges in der
Materie hatte. Und darauf kommt's doch an, die unterscheidenden wesentlichen
Züge von jedem Dinge bestimmt zu fassen und dem Empfinder und Denker gleich
darzustellen. Das Hauptvergnügen an einem Kunstwerke für einen weisen Beobachter
macht immer am Ende das Herz und der Geist des Künstlers selbst und nicht die
vorgestellten Sachen.
    Den Nachmittag ging ich nach der Rotunda; ich hatte den Mann mit den
Schlüsseln dahin bestellen lassen, um obenhinauf zu steigen. Sie ist das einzige
Werk von alter Architektur, was in Rom noch ganz ist; das vollkommenste in
seinen Verhältnissen und prächtigste dabei wegen seiner Säulen auf dem Erdboden;
die Paulskirche erscheint dagegen doch nur als Flickwerk.
    Wenn man in die Vorhalle tritt, so ist es, als ob man in das schönste
Plätzchen eines Waldes von lauter hohen herrlichen Stämmen käme, die ein Gott zu
einer Zeit gepflanzt hätte.
    Wie breit und mächtig einen dann das Innre selbst umfasst und bedeckt, ist
lauter Majestät; und feierlich stehen unten die Säulen umher und der dämmernde
Raum dahinter, wie das Allerheiligste der Gotteiten. Was dies für eine Ruh ist!
wie einen so nichts stört! wie die Rundung mit Liebesarmen empfängt, wie ein
leiser Schatten einen umgibt, so dass man das Gebäude selbst nicht merkt! Oben
Heiterkeit und Freiheit, und unten Schönheit. Überall ist der Tempel schön und
harmonisch, man mag sich hinwenden, wo man will; überall wie die schöne Welt in
ihren Kreisen von Sonn und Mond und Sternen. Endlich scheint alles lebendig zu
werden und die Kuppel sich zu bewegen, wenn man an dem reinen süßen Lichte des
Himmels oben durch die weite Öffnung sich eine Zeitlang weidet. Sooft ich mich
so ins Stille hinsetze und meinem Gefühl überlasse, werd ich da entzückt wie von
einem Brunnquell unter kühlen Bäumen zur heißen Zeit. Es ist das erhabenste
Gebäude, das ich kenne; selbst Schöpfung und nicht bloß Nachahmung. Die
Schönheit voll Majestät scheint alle Barbaren von der Verwüstung
zurückgeschreckt zu haben.
    Freilich hat man, was daran zu plündern war, ohne die Mauern niederzureissen
und in Schutt zu stürzen, doch daraus und davon weggeraubt. Es stand hier eine
Minerva aus Gold und Elfenbein von der Hand des Phidias und eine berühmte Venus,
welche die halbe
