 gewisse Teile und ihre Bestimmung darf man gar nicht denken, und wie sie
bei andern Menschen nicht umsonst sind und wirken: geschweige, sie langsam mit
dem Reiz der alten Künstler bilden. Seine Gestalt kann also nie ein vollkommen
freies Ganzes, ein Werk der ersten Klasse werden.
    Wollen wir in die griechische Fabel und Geschichte übergehen und unsre
Vorstellungen daraus hernehmen, so erhalten wir meistens nur einen verwirrten
Nachklang, ein wahres Echo ohne Sinn, das nur einzelne Silben wiederholt. Wer
ist außerdem so frech eitel, dass er sich einbilden kann, einen bessern Apollo
als den Vatikanischen, einen bessern Herkules als den Torso und Farnesischen,
eine schönere Juno, Venus und so weiter zu erkünsteln als die Alten? Und wird es
nicht ekelhaft, sie oder auch nur einzelne Formen davon immer und ewig zu
kopieren, mit den angewiesnen Plätzen zu schänden? Steht nicht fast allemal der
hohe strahlende Purpurlappen lächerlich und ärgerlich für den Erfahrnen in einem
Harlekinsgewande?
    Und doch tut es so weh, uns in unsre Armut und Dürftigkeit einzuschränken!
Wir bauen gleichsam noch in den bildenden Künsten, wie zu Konstantins und den
mittleren Zeiten, setzen aus den zertrümmerten Tempeln und Palästen der
zurückgewichnen Erdengötter die Säulen aller Ordnungen nebeneinander und führen
ein neues Mauerwerk kindisch, verzerrt und unförmlich, ohne klare und dunkle
Idee, wie es werden will, darum her und darüber auf, im Schweiß und der
Affenfreude unsers Angesichts.
                                                                  Rom, Dezember.
Nacht ist doch die schönste Beruhigung von Geschäften, wo die Phantasie die
freisten Flüge tut und der Mensch am mehrsten seiner selbst genießt. So raste
ich jetzt hier oben auf der Villa Medicis in meinem Zimmer. Rom schläft; der
blaue unermessliche Äther schwebt darüber wie eine Henne über ihren Küchlein, und
blinkend hell Gestirn erleuchtet selig die Gegenden. Alles ist still; nur
plätschern angenehm die Springbrunnen: heilige Symbole des ewigen Lebens in der
Natur.
    Mit der Einbildung überschau ich unter mir den alten Kampus Martius in der
lieblichen Dunkelheit; und mir fängt das Herz stärker an zu schlagen, und Feuer
rinnt durch meine Adern. Hier balgt sich die römische Jugend auf grünem Rasen
herum im Schatten hoher Platanusse und treibt ihre kriegerischen Spiele; dort
schwimmen sie durch den schnellen tiefwirbelnden Tiberstrom, die Ufer hieben und
drüben mit schönem Gesträuch bewachsen; und in der nahen Ferne lagern sich die
Hügel von Monte Mario bis zu Pietro Montorio in majestätischem Kreise, wo der
Edelen Gefühl mit erhebenden Schauern die Geister von Brutussen, Kamillen und
Scipionen gegenwärtig erkennt. Hier steigt der Sonnenobelisk empor, dort die
prächtigen Theater vom Pompejus und Balbus, die traulichen Hallen, runden und
hohen Mausoleen, feierlichen Tempel. Die Väter des Volks gehen auf und ab in den
kühlen Hainen und pflegen Rat über den Erdboden
