 Knie, einen Unterleib, eine Brust den
Alten wegstiehlt und gleichsam mit etlichen Phrasen aus dem Demostenes oder
Cicero ihre Sprache sprechen und den großen Redner machen will: die
Vollkommenheit des Nackenden vom Menschen, als des höchsten Vorwurfs der Kunst,
und seiner mannigfaltigen Form und Bewegung ist unserm Sinn von Jugend auf in
der Wirklichkeit verhüllt oder zeigt sich ganz und gar nicht mehr in unsrer
Welt.
    Lass mich frei reden! Die Kunst hat so lange gedauert, als die Gymnasien
dauerten, der Tanz spartanischer, chiischer Jungfrauen, ihr Ringen, selbst mit
den Männern, öffentliche Sitte war und die Priesterinnen der Liebesgöttin zu
Athen und Korint Religion feierten. In Venedig ist von dem letztern noch ein
Schatten, und der Künstler hat jahraus, jahrein immer eine Menge frischer neuer
Modelle, Augen und Phantasie wie Zeuxis zu Girgent zu weiden. Deswegen haben
auch keine andre Maler solch weiblich Fleisch wie Tizian und Paul von Verona
hervorgebracht; und der Malernestor lebt an der Grenze von hundert Jahren, da
der göttliche Raffael auf eigne Kosten sein junges Leben einbüßen musste.
    Bei einer gotischen Moral kann keine andre als gotische Kunst stattfinden.
Solange nicht ein Sokrates mit seiner Schule am hellen Tag über die Straße zu
einer neuen reizenden Buhlerin ziehen darf, um ihre Schönheit in Augenschein zu
nehmen, wird es nicht anders werden. Es ist wohl klar jedem, der Welt und keine
Welt hat, dass nicht die Hässlichen diese Lebensart erwählen.
    Vielleicht red ich hier bei manchem bitterer gegen die Kunst als Demetri in
seiner Laune; allein gibt es eine Wirkung ohne Mittel? Die schulgerechten
Antiquaren sprechen berauscht von der Venus des Praxiteles und seinem Liebesgott
und mit Abscheu von Phrynen und Batyllen, wie die Toren, die nicht wissen, was
sie wollen. Freilich kommt bei der geringsten Untersuchung das geheuchelte
konventionelle Geschwätz zum Vorschein und die innere geheime Denkungsart, wo
sich Drachen mit Tauben paaren. Die heiligen Katarinen spazieren nicht vom
Wirbel bis zum Fuß nackend mit losgebundnen Haaren vor den Malern herum, und
keine Lucrezia lässt sich so in der reinsten Beleuchtung allein mit allein von
einem Pinsel- und Palettmann in beliebige Stellung legen; und kein Künstler kann
von so festem Gletschereis sein, dass er bei Blicken von Sommersonnen nicht
schmelzen sollte. Und doch wollen die ehrwürdigen Herrn bei dem allgemeinen
Menschenverstand in keinen solchen Verdacht der Einfalt kommen, dass sie sich auf
die Seite der züchtigen Koer stellten, welche die bekleidete Venus vorzogen und
kauften, da sie die Wahl der nackten Gnidischen hatten, und noch bis heutzutage
als Tröpfe verlacht werden.
    Hiermit sehen wir das Nackende, außer dem einzelnen von Geliebten, am
Menschen jedoch nur entweder frech oder in unregsamer Albernheit; und die
stärkste Einbildungskraft kann es nicht so veredeln, dass es die freie gebildete
