
nichtsdestoweniger hat der Kopf Natur, die man gesehen hat, welches der Ausdruck
noch verstärkt. Ein außerordentlicher Jüngling gab gewiss den Stoff dazu her, und
der Künstler brachte das Höchste und Äußerste von lebendiger Einheit hinein.
    Einige stolze Erdensöhne können dies bewunderte und schier noch angebetete
Bild nicht ohne Verdruss und Widerwillen betrachten; und behaupten, ihr Gefühl
empöre sich allezeit, sooft sie sich das Gesicht als griechisch denken wollten.
Der Kopf des Perikles und auch des Alexander habe schon im bloßen Porträt viel
göttlichre Art von Erhabenheit; Apollo sei dagegen eher hager und ärgerlich im
ganzen, und es wittre daraus etwas von einem römischen Kaiserprinzen, etwas
Neronisches, das nicht auf eigener natürlicher Kraft beruhte; und dies wäre für
sie ein andrer Beweis als der von Marmor.
    So verschieden sind die Meinungen der Menschen!
    Gegen solche Ateisten will ich nicht predigen; ihr eigen Missvergnügen sei
ihnen Strafe, und der Neid an andrer Freude.
    Gewiss ist, dass das Bild verliert, weil es kein vollkommen Ganzes ausmacht
und man nicht weiß, worüber der Gott zürnt. Hätt er zu einer Gruppe der Niobe
gehört, wie er denn in einer erhobnen Arbeit davon in Person auf der einen Seite
und seine Schwester Diana auf der andern ihre Pfeile abdrücken, so würden die
Unzufriednen mit ihm desto mehr Mitleiden mit der unglücklichen reizenden
Familie haben. Doch ist eher wahrscheinlich, dass dem Meister der Apollo des
Leontinischen Pythagoras vorschwebte, welcher den Pytischen Drachen erlegte.
Und beiden war ohne Zweifel der Homerische, von den Gipfeln des Olymp herunter,
das Urbild.
    Genug von diesen Heiligtümern!
    Das eigentliche Kernleben der Kunst dauert vom Perikles bis zum Tod
Alexanders; das übrige sind Nachahmungen und Treib- und Gewächshäuser. Wenn man
bedenkt, was die Griechen binnen dieser kurzen Zeit getan haben, so sind wir
ganz tot dagegen; welch eine Menge von Statuen und Gemälden und Gedichten nur
für so ein kleines Volk! Welch eine Menge von Helden, Philosophen und Rednern!
So etwas kann nur in der heitersten Gegend der Welt bei der besten Regierung vor
sich gehen. Lysipp allein hat mehr Bildsäulen verfertigt als alle neuere
Bildhauer zusammen, und jede zeigt den Mann von hoher Schöpfungskraft.
    Der Künstler von geläutertem Gefühl, der nicht bloß nach Brot und eitler
Ehre trachtet, sondern sich selbst genugtun will, befindet sich heutzutag in
einem Zustande von immerwährender Verzweiflung; er sieht die Vollkommenheit vor
sich und erkennt deutlich die Unmöglichkeit, sie zu erreichen. Und diese Wermut
im Herzen mildert das allgemeinste Lob nicht. Es ist damit nicht genug getan,
ein Bildchen einzelner schöner Natur wegzufangen! Dies bleibt jedem Fremden, wie
alles bloße Porträt, unverständlich, und er kann es nicht mit Saft und Kraft
genießen, viel weniger damit, dass er ein
