 ihre
geistigste Blüte, nicht die irdische Fülle. Stand und Blick, und Lippen voll
Verachtung geben seine Hoheit zu erkennen. Die Augen sind selig, leicht aufzutun
und zu schließen, in weiten Bogen. Sein kurzer schlank und zart geformter
Oberleib zu den langen Beinen macht ihn zu einer ganz besonderen Art von Wesen
und gibt ihm Übermenschliches.
    Ein erstaunliches Werk von Erfindung und Phantasie! Das Problem ist
aufgelöst: da steht ein Gott, aus der Unsichtbarkeit hervorgeholt und in weichem
Marmor festgehalten für die Melancholischen, die ihr Leben lang nach einem
solchen Blicke schmachteten. Es ist der höchste Verstand und die höchste
Klugheit mit Zornfeuer und Übermacht gegen Verächtliches; darauf zweckt alle
Bildung. Was Apollo hat, ist ihm eigen und lässt sich wenig durch Nachahmen
übertragen.
    Auch dessen Altertum hat man angetastet und ihn zwar für keine Kopie, doch
für ein Werk aus der Kaiser Zeiten halten wollen; weil der Marmor karrarischer
zu sein schien, welcher kurz vor dem Plinius entdeckt wurde, und kein parischer,
woraus die Griechen ihre mehrsten Bildsäulen verfertigten.
    Wenn man dieses beweisen könnte, so wär es wohl ausgemacht wahr; allein
daran fehlt viel. Der parische ist nicht durchaus gleich, und man hat sichre
neuere Proben kommen lassen, die von dem Marmor des Apollo im Korn nicht
unterschieden sind. Und ferner gibt es so zarten karrarischen, dass er mit dem
besten parischen übereinkömmt. Und wo ist der übergrosse Marmorkenner, der von
irgendeinem Stücke sagen will, gerade woher es sei, da dieser Stein in jedem
Klima zu finden ist? Apollo hat nicht das gelbliche Alter des Laokoon und andrer
griechischen Bildsäulen; vielleicht weil er nicht der Witterung so ausgesetzt
war. Er ist augenscheinlich für einen bestimmten Platz gemacht, und das Bild tut
nur Wirkung, wenn man es von der linken Seite im gehörigen Standpunkte
betrachtet; von der rechten steht er da gerade wie ein Seiltänzer, so gespannt,
und sein Kopf sitzt offenbar auf der rechten Schulter, viel zu weit von der
Mitte. Wenn man denselben von seiner Richtung zurechtdrehte, so wär es
abscheulich. Aber von der linken Seite betrachtet, wohin er schaut, ist es
homerischer Apollogang; man sieht ihn fortschreiten, sieht das Gesicht ganz, und
der Kopf kommt in die Mitte. Ein wahrer Gott des Lichts dann und der Musen! Man
darf sich ihm nicht viel nähern; er kann keinen Flecken leiden, und man müsste
bei ihm immer haarscharf gescheit sein und vernünftig sich aufführen: so erhaben
ist er über die Menschheit.
    Wenn man dies einmal gefasst und seine Schönheit im ganzen genossen hat, so
mag man sich hernach doch an ihm herumdrehen, wie man will, und er bleibt ein
erstaunlich Werk von Vollkommenheit. Er ist zwar lauter Ideal,
