 Malerei und Bildhauerkunst vorzuziehen, und man bei dem
Alles-Aus-und-Ab-und-Aufschreiber glauben durfte, dies sei nicht seine eigne
Lieblingsmeinung, sondern die Stimme des damaligen römischen Publikums gewesen.
    Einige, voll von den Wundern des Phidias, Polyklet und Praxiteles, gingen so
weit, dass sie mutmassten, der Laokoon möchte aus dem Zeitalter des
Geschichtschreibers der Natur selbst und sein Lob ein gewöhnliches
Gelehrtenkompliment sein; allein der Augenschein zeigt jedem Erfahrnen, dass die
Gruppe aus der schönsten Blüte der Kunst stammt.
    Sonderlinge wollten sie im Schwindel des Paradoxen, um vielleicht dem
Vatikan wehe zu tun, jedoch gar zur bloßen Kopie machen, weil Plinius ferner
sagt, die allervortrefflichsten Künstler hätten nach gemeinschaftlich gepflognem
Rate den Laokoon, Kinder und Drachen, alles aus einem Block Marmor verfertigt;
und sie bestehen offenbar aus zwei Stücken, und wenn Agesander und seine Freunde
nicht Zeit und Arbeit vergebens verschwenden wollten, aus mehreren, da der Sohn
zur linken Seite sonst um einer Taschenspielerei willen unsinnige Mühe würde
gekostet haben. Plinius sah vermutlich die Gruppe aus einem niedrigen
Standpunkt, und die Fugen waren versteckt, wie sie bei dem rechten Sohne noch
sind, wenn man nicht hinsteigt; und es war schon in den alten Zeiten Mode, dass
die Aufseher den Ankommenden Märchen wie Religion vorschwatzten; und der
Geschichtschreiber der Natur hat in der Eile viel unglaublichre Fabeln sich
aufbinden lassen, wenn er bei seiner Lebensart noch nicht recht ausgeschlafen
hatte. Inzwischen will ich dem wackeren Manne hier nicht zu Leibe gehen; er sagt
sonst Dinge mit göttlichem Verstand, und zuweilen erhabene Poesie. Sein Werk ist
wahrscheinlich der erste Zusammenraff des ungeheueren Ganzen, und die
Wolkenbrüche von Feuerasche aus dem Vesuv erstickten ihn, bevor er nur die
zweite Hand daran legte.
    Es ist wohl eine zu handgreifliche moralische Unmöglichkeit, dass ein
Künstler, der so hätte arbeiten können, einige der kräftigsten Jahre seines
Lebens mit bloßem Nachmachen ohne weitern Zweck sollte verschwendet haben und
dass die Kopie, gerade wo das Original stand, durch ein Wunder vom Himmel
gefallen und das Original dafür verschwunden wäre: um sich bei Erörterung dieses
silbenstecherischen Verdachts länger zu verweilen.
    Man hat bis jetzt das Lob des Plinius entweder für bloß übertrieben
hingesagt gehalten und sich unter den verlorenen höchsten Meisterstücken der
ersten Künstler, vom Phidias an bis zum Lysipp, ungleich vortrefflichre Bilder
vorgestellt, oder die Dichter haben nur den schönen Ausdruck der Vaterliebe in
der Gruppe angepriesen, und der große Haufe hat mit seinen Augen überhaupt
keinen wahren Endzweck aus der Vorstellung holen können und gedacht: es ist
unglücklich genug für uns, dass Löwen und Schlangen in der Welt sind; warum soll
man einen guten Mann mit seinen Kindern noch damit in Marmor quälen sehen?
    Es wär erfreulich, wenn
