 setzen!
Die Materie, die meinen freien Vogelflug hemmt, werf ich ab, sobald ich will.
    Ich bin für heut ins Schwärmen hineingeraten; morgen mehr.
                                                                  Rom, Dezember.
Nach einigen Tagen Schirokko, der Regen in Wolkenbrüchen ergoss, hat sich heute
wieder eine klare Tramontana eingestellt; Hügel und Täler und Gebirge schweben
weit und breit in lauter erquickendem Himmel, und ein leichter Äther hebt von
der Erd empor und von dannen. Dies sind meine letzten Stunden im Vatikan; ich
will, ich muss nun scheiden. Ach, scheiden von der Kunst überhaupt! Sie ist meine
Bestimmung nicht; ich habe mich nur jugendlich getäuscht. Nach dem geheimen
Gefühl, dass der Endzweck aller Existenz ist, gut zu sein und Schönheit zu
genießen, und dass Gott selbst keine andre Glückseligkeit habe, wähnt ich, am
ersten meine Beruhigung in der Malerei zu finden, und arbeitete mich herum mit
Traum und Schatten. Herz und Geist trachtet nach einer kräftigern Nahrung und
findet diese allein in der lebendigen Natur und Gesellschaft der Menschen, in
wirklichem Kampf und Krieg und Liebe und Friede mit denselben. Wir sind die
Quintessenz der Schöpfung füreinander, allein unsre Freunde und Feinde und einer
des andern Beute, sind füreinander die höchste Sphäre zu handeln.
    Aber ach, Scheiden ist der eigentliche Tod, vor dem die Natur schaudert!
Mein Leben blutet, und ich kann mich noch nicht ganz losreißen. Wär ich Künstler
und Mitgenoss einer alten Republik, so könnt ich vielleicht ausharren, bis mich
der Schlangenstrom der Ewigkeit wieder in seine klare Flut aufnimmt oder als
neuen Schaum an ein ander Ufer im Weltall setzt. Goldne Zeiten von Athen, wo
seid ihr hin? Werd ich keinen Schatten von euch auf diesem Erdenrunde wieder
finden?
    Doch was sag ich: Mitgenoss einer alten Republik?
    Hätt ich in dem glänzenden Zeitalter gelebt, worin Sokrates aufwuchs, so
hätt ich meine Malerei gewiss noch eher als er seine Bildhauerei verlassen, und
sie wäre nicht einmal Spiel für mich gewesen. Plutarch lallte freilich kindisch,
wie manches, nach, in ganz andern Umständen: Welcher gutartige Jüngling wird
Phidias oder Polyklet sein wollen! Noch brennt mich der Pfeil, den mir Demetri
tief ins Leben abdrückte.
    Nach der Schlacht bei Plataia bis in den Peloponnesischen Krieg hinein war
Athen ein halbes Jahrhundert das Rom von Griechenland, jeder Bürger über die
Inseln und Kleinasien schier Fürst und Herr, und alle Kunst ihm unanständig, die
nicht zum Helden und Staatsmann bildete.
    Überhaupt aber hatte schon vorher Solon mit seinen Fünfhundertschefflern,
Reitern und Halbreitern und so fort, obgleich von der Lage der Sachen vielleicht
dazu genötigt, doch ärgerliches Maß und Gewicht für das Verdienst eingeführt:
jeder war unedel, der nicht von seinen Renten lebte, er mochte
