 ist nun
allein geblieben. Wie um sie geworben wird, kannst Du Dir leicht vorstellen;
aber sie will ihre Freiheit behaupten und sich platterdings nicht vermählen.
    Kurz darauf bracht ich bequemer und freier eine ganze Nacht mit ihr zu in
ihrem Schlafgemach, bis Morgenrot und Sonne die Blumen ihrer Schönheit
bestrahlten und ich so ganz in ungestörtem Genuße mein Dasein mit allen Sinnen
darinnen wiegte. Welche Reden! welche Gefühle! wie schwand die Zeit dahin;
welcher süße Scherz, was für Mutwill, was für Spiel, kindlich und himmlisch!
Trunken und lechzend taumelt ich von dannen. Wohl recht hatte jener Weise: wenn
man die Wollust dem Leben abzieht, so bleibt nichts als der Tod übrig. Sie hat
so ganz das, was Sappho bei Weibern allein Grazie nennt, das Liebreizende, was
so oft den schönsten und verständigsten fehlt. Diese versteht die Kunst, zu
lieben, und kennt die Wirklichkeit der Sache mit allen ihren Mannigfaltigkeiten;
sie ist eine Virtuosin darin, und andre wissen dagegen kaum die Anfangsgründe.
Bei ihr könnte Sokrates mit allem seinen unendlichen Verstande noch in die
Schule gehen; Natur selbst übersteigt alle Einbildung. O wie sie so bloß als
erquickende Frucht an einem hängt, als volle süße Traube, woran man mit
durstigen Zügen saugt: und dann wieder bezaubernde unüberwindliche Tyrannin ist
des Herzens und des Geistes! Sicher bei ihrer Vollkommenheit, bedarf sie die
Zierereien der andern nicht. Die Grausame begnügt sich, gleich der Spinne, nicht
an einer Seele und verlangt nicht, wie sie sagt, gegen die Unmöglichkeit zu
streben; o ich möchte töricht werden!
    »Lass uns aufrichtig sein!« sprach sie an einem andern Abend im
Spazierengehen nach Saitenspiel und Gesang bei meinen Liebkosungen und Klagen
der Eifersucht.
    »Jedes muss sich selbst am besten der Kräfte zu seiner Glückseligkeit
bedienen, womit es auf diese Welt ausgesteuert worden ist, und der Lage und
Sphäre, wohinein es bei seiner Geburt gesetzt wurde. Dies hebt den Menschen über
Menschen und macht einen weit größeren Unterschied zwischen den Graden ihres
Genusses, als zum Exempel zwischen den verschiedenen Weinen und ihrem Geschmack
ist, wo man nicht glauben sollte, dass sie alle von derselben Rebe herkämen. So
wären die Könige Halbgötter und Löwen unter Rindern, wenn sie ihre Stelle zu
gebrauchen wüssten.16
    Ein Frauenzimmer ist unklug, das mit einer Gestalt, die gefällt, erwuchs und
Vermögen besitzt, wenn es sich das unauflösliche Joch der Ehe aufbinden lässt.
Eine Göttin bleibt es unverheuratet, Herr von sich selbst, und hat die Wahl von
jedem wackeren Manne, auf solang es will. Es lebt in Gesellschaft mit den
verständigsten, schönsten, witzigsten und sinnreichsten; erzieht seine Kinder
mit Lust, als freiwillige Kinder der Liebe; erhöht sich
