 der Phantasie zu sammeln und vorzustellen; und diese Übung und
Gewohnheit ist nach und nach bei ihm zur stärksten Fertigkeit geworden. Seine
Hand hat er gleichfalls geübt wie Auge und Phantasie, und dabei seines Geistes
Sphäre erweitert; und so ist der göttliche Jüngling zum Vorschein gekommen. Die
Hauptsache, worin er alle übertrifft, bleibt eben die vollkommne Fertigkeit,
sich Gestalten vorzustellen, die Grund in der Natur haben, mit Zweck und
Absicht. Daher die wunderbare Menge seiner Gemälde. Das Höchste in der Malerei,
Gestalt, wobei sich andre, zuweilen die scharfsinnigsten Köpfe, vergebens
abmartern, war sein Leichtestes, ging von ihm aus wie Quelle. Aber doch sieht
man bei seinen Kompositionen deutlich allemal die Figuren, wo er sich
angestrengt und die wirkliche Natur nachgeahmt hat. Er besaß einen gar guten
Volksverstand und dachte und empfand bei jeder Geschichte gleich das
Natürlichste; und seine Gestaltenphantasie und sein kernhafter Stil, wo alles
bestimmt ist, machte das Ganze gleich lebendig.
    Nach diesem allen seh ich mich doch genötigt, ein Gegenlied von dem Lobe
anzustimmen, was ich dem Papst Julius gab. Es war ein Glück für Raffaelen, dass
dieser seiner Kunst Arbeit verschafte, und vielleicht auch keins und das
Gegenteil; denn dadurch ist er fast zum bloßen Kirchenmaler geworden. Das
einzige große Werk außer seinen theologischen Gemälden und Porträten ist die
Geschichte der Psyche in der Farnesina; und diese gehört, einzelne vortreffliche
Figuren ausgenommen, nicht unter sein Bestes. Die Götter und Göttinnen darin
machen einen großen Abstand gegen die Antiken.15 Jedoch muss man zu seiner
Entschuldigung sagen, dass er das vom Apulejus so kostbar erzählte Märchen schier
lucianisch behandelte; das Ganze ist ein Malerscherz und stellt ein kokettes
Weib vor, welches keine reizende Schwiegertochter haben will und sie endlich
haben muss.
    Er und seine Schüler scheinen überdies sich auf Kosten des reichen Kaufmanns
Chigi von Siena, der aus verschwenderischer Pracht bei einer Mahlzeit für
Kardinäle und Prälaten die silbernen Gefäße, sowie sie abgetragen wurden, in den
vorbeifliessenden Tiberstrom werfen ließ, sich mehr nur einen Zeitvertreib
gemacht zu haben, als dass ihnen, von der vatikanischen Strenge her, die Arbeit
Ernst gewesen wäre; und der welsche Amsterdamer musste ihm dabei noch ein Zimmer
für seine Geliebte einräumen, damit er sie allemal gleich bei der Hand hätte,
sooft ihm die Lust unter den wollüstigen Zeichnungen der nackenden weiblichen
Gestalten zu ihr ankäme.
    Die Allegorie mit den Liebesgöttern ist das Sinnreichste, Venus und Psyche
übrigens einigemal bezaubernd, Zeus und Amor beisammen griechisch empfunden,
Merkur und die Grazie vom Rücken Meisterwerk. Und Johann von Udine hat bei
seinen Blumen einen himmlischen Frühling genossen.
    In seiner Galatee neben diesem Saal ist die Zärtlichkeit und Empfindung der
ersten Liebe ausgedrückt; sie hat viel Unschuld im Blick
