
die Schönheiten hindeuten kann. Auch muss man vieles aus einer nähern
Bekanntschaft mit Raffaelen nur ahnden.
    Unter allen seinen theologischen Werken behält aber doch immer den Preis
sein letztes, die Verklärung, weil es gewissermaßen die Quintessenz aller seiner
heiligen Gefühle in sich hält, den Zuschauer in den Mittelpunkt der christlichen
Religion zaubert und die Vollkommenheit seiner Kunst ist. Schade nur, dass das
Gemälde die Haltung verloren hat, die Schatten alle schwarz geworden, die feinen
Tinten verschwunden sind und die Luft keine gute Wirkung tut. Inzwischen müssen
die Gestalten der hohen Menschen, die hier versammelt sind, schon an und für
sich ergreifen. Jeder von den unteren Aposteln möchte gern voll Gutherzigkeit
helfen, aber kann nicht. Auch die Notleidenden sind edle Seelen, und die kniende
Jungfrau mit dem königlichen Profil erhebt besonders die Szene. Der besessne Bube
ist ein gutes Kind; der Kopf hat in der Tat den Ausdruck, als ob ihm ein böser
Geist etwas angetan hätte, und sein Arm ist ein Meisterstück von Wut der Qual.
Der Kopf des Weibes, welches ihn mit der Hand hält, voll Angst und blasser
Melancholie, rührt bis zur Bangigkeit.
    Oben auf dem Berge wird der göttliche Jüngling, der das menschliche
Geschlecht von seinem Elend befreit und auf welchen die unteren Gefährten zeigen,
in Verzückung emporgehoben vom Boden, und ihn umschweben die größten Geister der
Vorwelt herab vom Himmel. Die eingeschlummerten Begleiter erwachen auf der
Anhöhe von der Glut der Begeisterung.
    Jede Gestalt ist äußerst rein und bestimmt, individuell, voll Physiognomie
und Schönheit in großen Formen. dabei sind die Köpfe doch fast alle Natur aus
der römischen Welt und täuschen deswegen so sehr. Ein Fremder kann es nicht so
genießen wie einer, der diese kennt.
    Mit einem Wort, es ist, was es sein soll: eine wahre Verherrlichung und
Verklärung; die Doppelszene, so vereinigt, füllt den Moment so mächtig, als die
Malerei nur leisten kann; und was leere Kritiker tadeln, entzückte gerade den
Meister bei der Erfindung und macht den Triumph der Kunst für den Menschen von
Gefühl aus.
    Man muss gewiss erstaunen über die große Anzahl seiner Werke bei so kurzem
Leben und seinem Hange zur Wollust, besonders wenn man das meiste so gefühlt und
ausempfunden sieht. Bei bloßer Manier und Fabrik lässt sich große Anzahl leicht
begreifen, wo arme Sünder denselben Puppenkram, den kein Vernünftiger mehr
erblicken mag, nur in andre Stellungen versetzen; aber alles Vollkommne, aus der
Natur hergeholt, will reine volle Seele und kostet Anstrengung.
    Raffael hat sich innig, von zarter Kindheit an, als einzig liebes
Künstlersöhnchen voll frischer Kraft selbst zum Maler in der Einsamkeit und beim
Leben in der Welt gebildet, und früh sich angewöhnt, Gestalten und Bewegungen
derselben sich in
