
seiner Fülle mitzuteilen für jedermann, hat er die Gunst und Bewunderung von dem
Kerne der Menschheit erhalten. Alles Nackende, was zu unsern Zeiten am Menschen
sichtbar ist, besitzt er in seiner Gewalt. An Gestalt ist keiner reicher als er,
und darin fühlt er einige Gattungen von Seelenschönheit aufs lebendigste. Die
Farbe war ihm zu sehr Oberfläche; im Nackenden hat er aber doch oft ihren Reiz
gefühlt und besonders bei Köpfen in höchster Vortrefflichkeit übergetragen. Die
Zaubereien von Hell-Dunkel sind ihm fremd. Sein Fehler ist seine Gefälligkeit
überall, auch wo sie nicht sein soll. Es scheint, als ob er nie ein widerwärtig
Gesicht recht habe ansehen können; in seinen Köpfen von Attila und Heliodor, und
Mördern schier, ist Grazie und Gefälligkeit. Heldencharakter, welche für sich
bestehen, einen Apollo, Herkules, Jupiter, und diesen Ähnliche unter Menschen
hat er nie oder höchst selten durch bloße Kopie erreicht. Sein Nackendes in den
Teilen, die man nach unsern Sitten nicht sieht, ist wie aller andern Neuern
meist Abschrift eines Modells; doch freut einen darin seine feste Hand. Die
Vollkommenheit unsrer besten Antiken kannt er nicht; und sein Vortrefflichstes
ist wahrlich nicht das wenige, worin er sie nachgeahmt hat. Dies Nackende, wenn
er sich auch noch so sehr plagte, tut wenig Wirkung; es ist nicht wieder andre
Natur geworden wie bei den Griechen, ausgenommen Kinder, Arme, Beine, Brüste,
Hände, Füße.
    Übrigens sieht man recht im Vatikan, dass er mit den vorzüglichsten Personen
seines Zeitalters umging und ihre Gestalten, Mienen und Gebärden, Stellungen und
Bewegungen und den Reiz in den Gewändern seiner Kunst eigen machte. Welche
Meisterstücke Archimed, Aristoteles, Plato, Pythagoras, seine Theologen und
Kirchenlehrer! Um sie so wohl zu fassen, dazu gehört gewiss ein verliebter Umgang
mit großen Männern. Sappho, Laura, die drei Musen neben dem Apollo im Parnass,
Pindar, Horaz, welche Gestalten! Und wieder welch ein unschuldiges
unbehülfliches und doch unbesorgtes Wesen in seinen Kindern zum Beispiel im
Burgbrande!
    Die Schönheit von Ausdruck und Empfindung hat er verstanden wie keiner. Auch
dem Gemeinsten hat er immer einen Anstrich von Empfindung gegeben, ihn wie in
Seele getunkt. Er konnte fast nichts anders machen; und die gefühligen Gebärden
von inniger Rührung sind bei ihm zuweilen für den scharfen Denker bloße Manier
und finden sich, wo sie sich nicht hin schicken. Seine wahrhaftig schöne Seele
hat sich von Kindheit an dazu gewöhnt.
    Gefühlvolle Gestalten, die nicht sprechen, sind aber auch der eigentlichste
Gegenstand der Malerei; wo diese nicht das Hauptwerk in einer historischen
Komposition ausmachen, ergreift das andre wenig.
    Die vorige Woche war eine Seligsprechung zu Sankt Johann im Lateran, und
dabei wurden Raffaels Tapeten
