 Linken.
    Dieses Zimmer war seine erste Arbeit zu Rom; es bleibt aber doch das
vorzüglichste wegen Menge und Adel von Gestalten. Seele und Auge jedes
verständigen und in der Welt erfahrnen Menschen müssen sich so recht daran wie
an süßem Kern weiden. Überall blickt da und dort eine himmlische Blume hervor,
und je tiefer man sich mit seinem Stachel hineingräbt, desto nahrhafter Honig
findet man. So hat mich spät noch erfreut sein Evangelist Johannes in der
Theologie, neben dem David, welcher vor der Menge größerer Figuren einem erst
nach und nach mit seinem süßen Lächeln und halb zugedrückten innigseligen Blick
aus seiner Engelsschönheit ins Herz blitzt. Das blonde Haar wallt ihm reizend
nieder auf die Schultern, und er scheint einen Liebesbrief zu schreiben.
    Die Schule von Athen ist mir das angenehmste von allen seinen Werken: eine
solche Fülle von Heiterkeit und Ruhe kommt mir daraus entgegen; ob das Ganze im
Grunde gleich einen Streit vorstellt, nämlich den Sieg der Aristotelischen
Philosophie über die Platonische, wie die triumphierenden und widerlegten
Gesichter zeigen. Alles neben den beiden großen Helden scheint sich darauf zu
beziehen. Plato hat zur Seite den Sokrates mit dem Alkibiades und den
Pythagoras, Aristoteles den Kardinal Bembo14 und Archimed. Wahrscheinlich fehlen
deswegen Epikur und Zeno mit ihrem Anhange. Welche vollkommne Meisterstücke sind
darin Pythagoras, Sokrates, Plato, Aristoteles, Archimed oder Bramante mit dem
jungen Herzoge von Mantua! Alles ist hier so Natur, dass man die Kunst vergisst
und nicht an sie denkt: so voll und verliebt darein und fertig war der Meister.
Die Gruppen sind schön zusammengehalten, und jede richtet sich nach dem
Philosophen, der Unterricht erteilt. In die antiken Gewänder hat er sich gut
hineingedacht, und man merkt nichts Gezwungenes.
    Zusammengedrängte Jahrhunderte machen in jedem von den drei Gemälden ein
einzig Bild für die Phantasie.
    In dem Zimmer darauf tut der Genius Raffaels, wenn ich mich so ausdrücken
darf, pittoreskere Flüge, ist aber nicht mehr so reich an hoher individueller
Gestalt.
    Sein Heliodor ist vielleicht die schönste Allegorie neuerer Zeiten. Das
Ganze teilt sich in drei Gruppen und tut große Wirkung. Die Gruppe der Engel mit
dem niedergeworfnen Heliodor gehört unter Raffaels Höchstes; sie sind durchaus
Natur in Gestalt, Gebärde und Bewegung; er hat sie vermutlich von feurigen
römischen Buben in Zorn und Sprung abgesehn. Der Engel zu Pferde in der Kirche
ist etwas ungereimt, aber er macht ein herrlich Bild von Schnelligkeit und
unwiderstehlicher Gewalt. Heliodor und seine Gefährten schreien; und es gehört
zur Schönheit des Ganzen, ob sie gleich gegen die Theorie einiger Antiquaren
dazu den Mund auftun müssen.
    Die Gruppe von Weibern neben dem Papste, der von Schweizern, nach der Natur
kopiert, hereingetragen wird, macht einen reizenden Kontrast; die Köpfe der
