 den Pinsel würde weggeworfen haben, wenn er
älter geworden wäre! Wenigstens sind seine ersten Gemälde im Vatikan die besten,
und er trachtete nicht umsonst nach dem Kardinalshut.«
    Sein Mund glich einem vollen Springbrunnen, so goss er hervor. Mir riss
endlich die Geduld, und ich ergrimmte. »Bist du noch nicht fertig, Barbar,
Bilderstürmer?« zürnt ich ihm entgegen.
    »Was du wahr gesagt hast, trifft alle menschliche Kunst. In der Natur haben
wir freilich alles beisammen, und die verschiedenen Künste teilen sich nur in
sie. Jede muss dagegen ihre Mängel, ihre Schranken erkennen. Die Malerei hat
keine wirkliche Bewegung, nur den Schein davon, Zeichen; die Poesie kann keine
Gestalt, keine Schönheit für den Sinn darstellen, bleibt ewig unglückselig
blind; und Musik an und für sich ist ohne bestimmten Ausdruck und nur eine Magd
der Musen.
    Der Dichter ahmt und stellt im Grunde nicht einmal etwas Wirkliches selbst
dar, sondern nur Mittel, nämlich die Reden der Menschen; und wie weit liegt die
erste Natur der Sprache in den Abgründen der Zeit verborgen! Für uns
Schaumblasen auf ihren Tiefen ist sie meistens bloß willkürlicher Schall. Wir
haben allen unsern Genuss durch Körper, und von diesen kann er nichts
Individuelles darstellen; alles ist bei ihm allgemein, bis auf die Namen schier
Peter, Paul, und Lukas und Johannes, wenn ihm gute Schauspieler nicht zu Hilfe
kommen. Dafür hat er freilich ein weitschweifig Reich und flattert überall an,
wo die Malerei und Bildhauerkunst wegen enger Schranken ihrer unbeweglichen
Mittel nicht hin kann.
    Das höchste Leben ist das schwerste in allen Künsten, sowohl in den
bildenden als Poesie und Musik: Sturm in der Natur, Mord zwischen Mann und Mann,
Seelenvereinigung zwischen Mann und Weib, und Trennung, Abgeschiedenheit
verliebter Seelen. Das Tote kann auch der bloße Fleiß darstellen, aber das Leben
nur der große Mensch. Wen beim Ursprung seiner Existenz nicht die Fackel der
Gottheit entzündet, der wird weder ein hohes Kunstwerk noch eine erhabene
Handlung hervorbringen. Schönheit ist Leben in Formen und jeder Regung, und
nichts Totes ist schön, außer in einem Verhältnis von Leben.
    Warum ist der Torso schön, warum die Kolossen auf dem Monte Kavallo, warum
unsre Venus? Weil sie in höchster Vollkommenheit menschlicher Kraft im freudigen
Genuss ihrer Existenz sich befinden. Warum Apollo, warum der Fechter? Weil ihr
Leben in der Vollkommenheit seiner Kraft sich in hoher Wirkung zeigt. Warum
Laokoon, Niobe? Weil auch ihr höchstes Leben einer stärkeren Macht unterliegt.
Der Dichter deutet's mit Worten an, der bildende Künstler stellt's mit dessen
Oberfläche selbst dar.
    Zu der Zeit, wo die Menschen am mehrsten lebten und genossen, war die Kunst
am
