 eine Folge sich wie ein
Beisammen auf einmal vorzustellen und zu denken. Daraus die Regel: dass ein
solches Ganzes nicht zu verwickelt sein müsse, damit man wie in einem Atem alle
dessen Teile und ihre Verbindung im Geist übersehe. Dies erregt dann, was man
Begeisterung nennt. Ein schönes Gedicht, eine schöne Musik, ein schöner Tanz muss
diese allezeit auf die letzt hervorbringen: so wie der Dichter, Tonkünstler,
Tänzer sie vorher in der Seele haben muss, ehe er sie in einen Strom dahinwallt;
eine volle Seele, die sich ausschüttet und eine andre wieder schwängert.
    Alle bloß bildende Kunst macht auch den stärksten Liebhaber und Besitzer
über kurz oder lang zum Tantalus. Das schönste Bild, sei's auch eine Venus vom
Praxiteles, wird endlich ein Schatten ohne Saft und Kraft, es regt und bewegt
sich nicht und verwandelt sich nach und nach wieder in den toten Stein oder Öl
und Farbe, woraus es gemacht war; und für den lebendigsten Menschen am
geschwindesten. Ich glaube, dass, wenn die goldnen Zeiten der Griechen länger
gedauert hätten, sie endlich alle Statuen würden ins Meer geworfen haben, um des
unerträglich Toten, Unbeweglichen einmal ledig zu werden. Und wir finden auch
nicht, dass Temistokles, Plato und Euripides und die andern großen Griechen der
ersten Zeiten sich schon viel darum bekümmert hätten: die Bildsäulen gingen
immer die Religion und das gemeine Volk an. Alkibiades schlug sogar vor Überdruss
einer Menge öffentlicher Hermen die Nasen entzwei; und hernach gehörten sie mit
den Gemälden zum Luxus der Reichen, die vor ihrer gewöhnlichen Langeweile nicht
wussten, was sie anfangen sollten. Plutarch fragt ehrlich in seinem Perikles:
Welcher gutartige Jüngling wird Phidias oder Polyklet sein wollen wegen des
Olympischen Jupiters oder der Juno zu Argos?, und so setzt der verständige Horaz
eine Ode von Pindar über hundert Statuen; und die aufgeheitertsten Kaiser zu
Rom, Antonin und Mark Aurel, waren wirklich schon des steinernen Volkes satt:
und so ist das steinerne und gemalte Volk bei den heutigen Römern bloßer Prunk,
und man sieht es den besten an, dass auch sie dessen von Herzen satt sind. Die
Natur übt ihr Recht aus und zeigt ihnen mit Gewalt, dass es doch nur eitel
Träumerei ist.
    Die beste Kunst ist ein bloßes Denkmal verflossnen Genusses oder Leidens für
den Künstler selbst, das ihm lediglich Anlass gibt, sich das Ganze wieder
vorzustellen und in sein Gedächtnis zurückzurufen. Welch ein Abstand von Poesie
und ihrer Gewalt über die Herzen! Überhaupt ist die bildende Kunst eine
jugendliche Sache, wo der Mensch noch an der Hülle herumschwebt. Ein alter
Maler, ein armer Sünder! Wenn einer innen ist, kann er nicht mehr außen sein. Es
käme darauf an, ob Raffael nicht
