 gewissermaßen die Griechen
übertreffen, weil wir uns gerad an die wahren Gegenstände machen, die sie
verfehlt haben.
    Nichts wirkt recht auf den Menschen, was stillesteht; aller Stillstand wird
bald Tod.
    Es bleibt gewiss eine Kleinigkeit, einen Cäsar, einen Brutus von außen auch
vertrefflich zu malen und zu bildhauen, gegen das herauszuholen, was in ihnen
steckt. Auf der Oberfläche kann man den Menschen leicht kennenlernen: aber im
Innern, in der Tiefe? Da gehört ganz andrer Gehalt und Stand dazu.
    Wer behaupten wollte, dass die bildende Kunst über Poesie, Beredtsamkeit und
Philosophie ginge, müsste behaupten: dass eine Statue oder Brustbild vom Homer,
Pindar, Demostenes, Aristoteles, oder nehmen wir neuere, dass ein vollkommen,
wie möglich auch, getroffnes Bild in Farbe oder Stein von Ariost, Machiavell
über ihre Schriften ginge. Und gewiss möcht ein Gott mehr daran haben, wenn sie
mit Haut und Haar so wären wie sie selbst; welches jedoch menschlicher Hand
unmöglich: aber ein Sterblicher muss eine gigantische Einbildung von seinem
physiognomischen Sinn haben, um dies zu wollen. Ein solcher versuch es einmal
und ersetz uns aus dem übriggebliebnen Kopfe des Sophokles seine hundert
verlorne Trauerspiele!
    Man schaue einen Sokrates an, einen Plato, einen Euripides: wer wird ihre
Marmorbüsten für ihre lebendigen Reden und Gedichte nicht gleich weggeben? Wir
können an uns selbst nicht im Spiegel wahrnehmen, auch in dem nämlichen Moment,
was wir denken und empfinden; und sogar verschiedene Leidenschaften zeigen sich
bis auf ihre hohen Grade im Gesicht überein. Die ganze bildende Kunst ist ein
vages unbestimmtes Wesen, das seinen Hauptwert eigentlich von der Schönheit der
Formen und Umrisse enthält; und dann ausserwesentlich ist sie eine große Zierde
der Poesie und Geschichte, die aber ganz natürlich ohne sie bestehen können.
Poesie ist das innere Leben selbst: Bild von Farbe oder Stein bloß das Zeichen;
wer jenes nicht schon in sich hat, kann bei diesem wenig fühlen und erkennen.
    Wo hat in aller Welt je ein Gemälde die Wirkung hervorgebracht, die die
Ödipe und Iphigenien hervorbrachten? Und wo wird es je möglich sein, dass eins
solche hervorbringen könne, wenn man auch den Raffael, Korreggio und Tizian in
ein Wunderwesen zusammenschmelzte? Es versteht sich wahrlich, dass hier nicht
davon die Rede sei, was päpstliche Neffen und Mönchs- und Nonnenklöster teurer
bezahlen.
    Ich leugne übrigens gar nicht, dass eine erstaunliche Phantasie und Fülle von
Leben dazu gehört, sich einen Alkibiades, Perikles oder die Aspasia so
vorzustellen und ihre Bilder durch die spätere Kunst lange Zeit nach ihnen so
wirklich zu machen, aus bloßen Geschichtbüchern, wie sie lebendig waren und
handelten; denn in der Tat - hat es auch keiner noch getan. Allerlei Gestalten
träumen mag man
