 rief ich aus, »dass ich kein junges Lorbeerreis
habe, Euer weises Haupt zu bekränzen! ob ich gleich in manchem nicht Eurer
Meinung sein kann. Um Kopf und Schweif gleich zusammen zu paaren: so glaub ich
nicht, dass ein Künstler etwas Gutes hervorbringen werde, der ohne deutlichen
Begriff, ohne klares Gefühl von Schönheit zu Werke schreitet.
    Nach Platons Erklärung, den Ihr mir wohl zu kennen scheint, ist die
Schönheit die ursprüngliche Idee der Dinge in Gott. Und die Seelen, die sein
Anschauen genossen und diese Ideen erkannten, schaudern, wenn sie in diesem
Leben die Bilder davon mit den Augen erblicken, erinnern sich dunkel ihres
vorigen Zustandes, erschrecken und werden entzückt. Ihre Schwingen regen sich,
gehen vom warmen Einfluss auf, der Federstock keimt und so weiter.
    Es ist gewiss eine erhabene Hymne auf die Liebe und liegt tiefe Wahrheit
zugrunde.
    Was sich selbst bewegt, ist Seele, ewig, ohne Anfang: davon alles Werden und
alle Körper, die sich bewegen. Schönheit ist die vollkommenste Harmonie der
Bewegung, und die Seele erkennt darin ihren reinsten Zustand. Schönheit gibt der
Seele das lauterste Gefühl ihres Daseins. Schönheit ist die freieste Wohnung der
Seele. Schönheit erinnert die Seele an ihre Gottheit, an ihre Schöpfungskraft,
und dass sie über alle die Körperwelt, die sie umgibt, ewig erhaben ist. Im
Anfang macht ihr dies Freude, aber endlich Pein; sie sieht sich gefangen, und
dass sie nicht mehr ist, was sie war: und die Tränen rinnen über ihren nichtigen
gegenwärtigen Zustand. Doch stärkt sie wieder ihre ewige Natur, und die süße
himmlische Hoffnung regt ihre Fittige, dass sie doch bald aus dieser Dunkelheit,
aus diesem Wahne von Irrgestalten sich erheben werde in das Licht zu den Scharen
der seligen Geister, wo weder Frost noch Hitze abwechseln, und alles ist in
seiner mannigfaltigen Wahrheit und ursprünglichen Schönheit.
    Nicht geboren werden übertrifft alle irdische Glückseligkeit; und wenn du da
sein wirst, so ist, je geschwinder, je besser, wieder dahin zu kehren, wo du
herkömmst. Sobald die Jugend sich einstellt mit ihren tollen Streichen, wer
windet sich mit aller Arbeit daraus? wer steckt nicht in Plagen und Leiden?
Morde, Parteien, Streitigkeiten, Gefechte und Neid. Auf die letzt überschleicht
uns das unzufriedene, schwache, menschenscheue, verhasste Alter, wo alle Übel
haufenweise zusammen wohnen.
    So seufzte selbst der bewunderte Sophokles am Ende seiner glücklichen und
glänzenden Laufbahn.
    Ihr sagt: Schönheit nackender Gestalt sei viel für Auge und den ganzen
körperlichen Menschen, wenig für den innern? Sie allein ergriff das Unsterbliche
nicht?
    Wenn wahr ist, was Ihr selbst behauptet, dass, wer ein Ganzes täuschend am
geschwindesten in die Seele bringt
