 gesittetem Wesen zu sein pflegten.
Das Meer ist im Gegenteil natürlich immer in Bewegung, und gewiss schöner im
Sturm als in der Stille; und Alkibiades, und Phryne, und Tais, welche
Persepolis in Brand steckte, die schönsten Menschen unter den Griechen, sind
wahrlich nicht berühmt wegen ihres stillen gesitteten Wesens; und Klodius nicht,
und die Faustinen, und die größten Schönheiten. Es sind die Schranken der Kunst!
Sie kann das hohe Leben, schnelle Bewegung selten darstellen; und es ist
wunderlich, dies deswegen mit Verachtung in der Wirklichkeit selbst ansehen
wollen.
    Wenn das Kunstwerk eine Geschichte darstellen soll: so muss der Ausdruck
herrschen; denn dieser ist alsdenn der Hauptzweck, und Schönheit in Stellung und
Formen und Gestalten muss hier der Wahrheit aufgeopfert werden. Allein
Geschichte, Szenen aus Dichtern bleiben immer die letzten Vorwürfe der bildenden
Kunst; weil sie dieselben nie ganz und nie so mit dem ergreifenden Leben
darstellen kann wie ein Herodot und Homer. Der bildende Künstler begibt sich
außerdem von selbst schon hierbei ganz unter den Geschichtschreiber und Dichter
und schafft als Gehülfe zu dessen Leben und Bewegung nur die Körper alsdenn;
augenscheinlich hat dieser das Ganze und er nur den Teil.
    Die alten Künstler wagten es außerdem nicht, den Kern von manchen tragischen
Geschichten darzustellen, weil sie bloß das Grausame würden dargestellt haben,
und das andre nicht konnten, was die Tat mildert; zum Beispiel Medeen im Morden
ihrer Kinder: die vereinzelte Szene hätte durch ihre Gegenwart alle Geschichte
überblendet. Nur Agesander und Michelangelo unter den Neuern sind darüber
hinausgegangen: der eine der Kunst, der andre der Religion wegen. Ähnliche
Bewandtnis hat es bei wahrer Darstellung einer alten Hekuba; man denkt sich bei
der gerunzelten Haut ihr ganzes Leben nicht, um davon gerührt zu werden. Und
eine junge oder noch schöne Hekuba ist Widerspruch und Unsinn.
    Kurz, eine lebendige Gestalt von einem Charakter sich vorzustellen, in aller
Vollkommenheit und Schönheit, ist das Meisterstück des bildenden Künstlers;
welches wenige noch bis dato geleistet haben.
    Schönheit überhaupt in allen Künsten ist, wie mich dünkt, leichtfassliche
Vollkommenheit für Sinn und Einbildungskraft. Wer damit nicht zufrieden sein
will, kann sich an die Erklärung des Erzbischofs della Kasa halten, welcher das
weltberühmte Kapitel über den Backofen geschrieben hat; dieser sagt: Schönheit
ist eins, soviel nur immer möglich; und Hässlichkeit im Gegenteil ist viel.
Allein der Künstler bedarf solcher tiefen Philosophie nicht bei seiner Arbeit.
Vergebt übrigens, lieben Brüder und Freunde, wenn ich an dem Ziele
vorbeigeschossen habe, und macht es besser.«
    Der Mann zog mich doch an sich, trotz aller seiner hämischen Blicke auf
bildende Kunst und besonders Malerei, und ich verlangte genauere Bekanntschaft
mit ihm zu machen. »Schade,«
