 der Farben und Geschichten
von vielen Figuren; Malerei enthält sich alles dessen, was sich bloß durch Form
zeigt, und so wie die Bildhauerei noch der Geschichten, wo man das Ganze nicht
mit einem Blicke herausnehmen kann. Dienste und Gefälligkeiten mögen sie sich
übrigens gern erzeigen. Rom allein ist voll von Beispielen, wie gute und wackre
Meister verunglückt sind, indem sie über diese Regeln hinauswollten, und den
schönsten Teil ihres Lebens umsonst dagegen kämpften.
    Apelles nahm sich wohl in acht, kein bloßes Porträt vom Alexander zu machen;
hierin musst er allezeit dem Lysipp wegen seiner Formen nachstehen. Er bildete
ihn also mit dem Blitz in der Hand; mit dem Kastor und Pollux und der Victoria;
auf einem Triumphwagen mit dem Krieg hinterdrein, diesem die Hände auf den
Rücken gebunden. Dies musste Lysipp so natürlich wohl bleiben lassen. Aber
Bildhauerei behält doch immer den Rang; denn sie zeigt das edelste der bildenden
Kunst, nämlich die Form, am vollkommensten. Bei Weibern, es ist wahr, und bei
Knaben ist die Farbe auch sehr reizend; allein sie ist doch bloß ein seichter
Augengenuss, der nicht in den ganzen Menschen so eindringt wie die Form.
    Das Klassische überall ist das gedrängt Volle, wenn einer alles Wesentliche
und Bezeichnende von einem Gegenstande herausfühlt und nachahmt; und in diesem
Verstande kann man gewiss schon aus einer Hand oder irgendeinem Teil am
menschlichen Körper bei einem Künstler den großen Mann erkennen, wie aus der
Klaue den Löwen. Phantasie, die aus Tausenden zusammenträgt, aber nicht das
Rechte, sondern Ausserwesentliche, ist das Gegenteil und Bettlerarmut; Lumpen und
Lappen und kein ganz Stück. Ein Ding recht fassen, zeigt den trefflichen
Menschen und macht den Virtuosen.
    Der schöne Mensch im bloßen Gefühl seiner Existenz ohne Leidenschaft in Ruhe
ist der eigentlichste Gegenstand der Nachahmung des bildenden Künstlers, und
seine Nummer eins; in dieser Verfassung ohne alle Bekleidung liegt die reinste
Harmonie der Schönheit, und sie passt am allerbesten zu dem gänzlichen Mangel an
Bewegung seiner Werke. Alle Leidenschaft, alle Handlung zieht, leitet unsre
Betrachtung von ihren schönen körperlichen Formen ab. Zur Schönheit selbst
gehört der Charakter oder das, wodurch sich eine Person von der andern
unterscheidet. Schönheit mit lebendigem Charakter ist das Schwerste der Kunst.
    Bei Gruppen von Figuren sind Spiele, Scherze, die wenig bedeuten, die besten
Handlungen, weil sie von der Schönheit und den angenehmen Stellungen der Formen
am wenigsten abziehen. Die entzückendste Handlung für den Betrachtenden hierbei
ist freilich, wo gerad ein Körper den andern genießt: Kuss, Umarmung -
    Nach diesen Grundsätzen arbeiteten die Alten: nicht, wie einige Antiquaren
sagen, weil die Stille der eigentlichste Zustand der Schönheit wäre, wie bei der
See, und die schönsten Menschen überhaupt von
