 Zeichnen, wie einer, der selbst kein Dichter werden,
sondern nur die Meisterstücke der Alten und Neuen in ihrer ganzen Vollkommenheit
fassen will, an der Poetik des Aristoteles. Jede Kunst, bis zum letzten Ziel
erlangt, ist etwas anders und erfordert eines Menschen ganzes Leben. Für Euch
soll's nur Spiel sein; Ihr seid zu Höherm bestimmt und müsst glänzen wie der
Morgenstern in Eurer Republik. Dies wird immer neuen Reiz in unsre Freundschaft
bringen, und wir werden leben in der Natur, soviel uns mit Sinnen, Phantasie und
Verstand vergönnt ist.«
    »Du erfüllst mich mit Hoffnung und Freude«, antwortet ich ihm. »Mein Vater
ist jetzt in Dalmatien, und ich bin mit meiner Mutter allein. Sie zieht bald
aufs Land, vielleicht noch diese Woche. Die Gegend ist eine der angenehmsten der
ganzen Lombardei. Das Gut, wohin wir wollen, liegt am Lago di Garda, wo Katull,
vor welchem Cäsar sich neigte, zuweilen vom römischen Taumel ausruhte. Er sang
von dem Orte:
Peninsularum, Sirmio, insularumque
Ocelle, quascunque in liquentibus stagnis
Marique vasto fert uterque Neptunus.3
Willst du mich begleiten: so werden wir nach dem Pindar in die Burg des Kronos
gelangen, umweht von kühlen Seelüften; wo in schattigen Gärten Goldblumen
funkeln, diese der Erd entspriessen und anmutigen Bäumen, andre aber der klare
Bach erzieht. Wir wollen mit ihren Angehängen und Kränzen uns die Arme
umflechten und die Schläfe umwinden.
    Vorher aber muss ich dich meiner Mutter vorstellen; jedoch du musst hübsch
gescheit sein. Sie ist eine gar gute Frau, die mich zärtlich liebt. Sie weiß
schon, dass ein junger Mensch mich aus dem Kanale gerettet hat, und es wird ihr
gefallen, dass du es bist. Sie hat große Freude an schönen Madonnen; und wenn du
ihr eine in ihre Kapelle malst und fromm bist: so hält sie dich wie ein Kind.«
    Es ging hierbei eine sonderbare Bewegung in ihm vor, die mir lange hernach
erst erklärlich wurde; er sah mich an, neugierig mit heißen Blicken, und fragte:
»Also nicht weit vom Ausflusse des Mincio ist Euer Landsitz?«
    »Wenig davon«, versetzt ich. Darauf ging er nachdenkend einigemal mit mir
auf und ab. Endlich sprach er: »Gut; ich reise mit euch und male deiner Mutter
eine Madonna, wenn ich ihr anstehe. An Gescheiteit bei ihr soll's hoffentlich
nicht ermangeln.«
    Es wurde beschlossen, ihn den Abend noch ihr vorzustellen; bei Tische wollt
ich alles einlenken.
    Hier schied er von mir. Ich brachte die Sache vor; und meine Mutter war's
gleich zufrieden, ohne ihn noch gesehen zu haben, aus Willfährigkeit gegen
