 und erzähle mir mit seiner Malerei Begebenheiten, die
ich nicht schon weiß, von Menschen, die ich noch nicht kenne! Und gesetzt auch,
einer stellte mir eine Geschichte zum Beispiel vom älteren Scipio mit lauter
Porträten dar, so wahr und vortrefflich, als ob sie alle Tizian gemacht hätte:
was weiß ich dadurch mehr als den Moment? Weiß ich, was entweder vorher oder
nachher geschehen ist, da keiner auch von seinem bekanntesten Freunde
zuversichtlich mit einem momentanen Blicke weiß, was er vorher getan hat oder
nachher tun wird? So tief im Verborgnen lebt der Urquell unsrer Wirkungen. Und
wo ist der Zauberer, der mir aus einer Tat oder aus tausend Taten das Gesicht
nur eines Mannes darstellt, das er noch nicht sah, mit allem seinen
Eigentümlichen? Dazu gehört der Gott Platons, um den sich das Weltall rollt, und
kein Sterblicher. Alles, was der Maler erfinden kann, ist Ideal von Gestalt
dieser oder jener Klasse von Menschen, oder Gattung von Geschöpfen im
allgemeinen.
    Jedes Werk der bildenden Kunst mit dem Ausdruck von Leidenschaft ist alsdenn
doch nur eine unaufgelöste Dissonanz. Das vollkommenste historische Gemälde, das
ist, wo der interessanteste Moment aus einer Begebenheit gewählt ist und man das
Vorhergehende und Nachfolgende am besten erkennen kann, bleibt also immer an und
für sich schon ein quälendes Fragment, das weder Herz noch Geist befriedigt.
    Um hierüber nicht zu streiten, so bleibt ausgemacht: das Vortrefflichste
derselben ist das schöne Nackende; mit dem Ausdruck geht's hernach wie bei der
Musik: er ist die Blüte der Vollkommenheit, aber nicht eigentlich die
Vollkommenheit selbst. Jeder Sinn hat sein eigenes Element, worin der Ausdruck
nur schwimmt. Die Poesie arbeitet zwar für alle, aber doch ist auch die Sprache
und Harmonie derselben für das Ohr ihr Grundstoff. Die schlechten Künstler
meinen, sie hätten genug getan, wenn sie nur eine rührende interessante
Geschichte mit ihren Wechselbälgen ausstaffieren und ein schmachtend Auge
hineinbringen: Ihr Toren! eine einzige vortreffliche griechische Statue ohne
Kopf und allen Ausdruck von Leidenschaft geht bei dem Kenner von kunstfertigem
Sinn über all Euer Fratzenwesen von unreifen Gesichtszügen, noch so affektiert
geworfnen Gewändern und tausenderlei nachgeäfftem Kostüme. Aber auch im
Gegenteil ist's nicht genug getan, wenn einer einen Haufen nackender Körper
hervorheckt, die weiter nichts haben als ihre gehörige Anzahl von Rippen und
Knochen, und Muskeln, und Augen, Mäulern, Nasen, Ohren.
    Mit einem Worte: die Schönheit nackender Gestalt ist der Triumph bildender
Kunst; viel für Auge und den ganzen körperlichen Menschen, wenig für den innern.
Sie allein ergreift das Unsterbliche nicht; dazu gehört etwas, was selbst
gleichwie unmittelbar von der Seele kommt und ihrer regenden unbegreiflichen
Kraft: Leben, Bewegung. Und dies haben
