 am Kreuz und eine Madonna
und ein Johannes dabei vorzustellen sei. Er ist bis zur Täuschung angenagelt und
bewegt sich gerade dazu, wie es sich schickt.
    Die Mutter ist ein hohes Weib, noch in unverwelkter Schönheit, ihres Adels
bewusst, die über die Grausamkeit zürnt, welche man an dem Sohn ausübt, sein
ganzes Leiden fühlt mit dem weinenden Feuerblick: aber in der Zerknirschung noch
solche Festigkeit und Erleuchtung hat, um erhabner als eine Niobe dabeizustehen
und anzuschauen.«
    Der junge Künstler fuhr auf, drückte mir beide Hände, freudig und verschämt
im Gesichte glühend, und sprach freundlich zu mir: »Ich habe nur gelästert, um
den dort zu schrauben; und überhaupt erfährt man mit den bittersten
Widersprüchen am besten die Wahrheit, die man sonst selten aus den verborgenen
Tiefen eifersüchtiger Virtuosen hervorholt. Ich kenne das kleine Gemälde von
Michelangelo wohl; wievielmal ist es nicht kopiert worden! Nur wünscht ich, dass
die Figuren in Lebensgröße wären. Ich kann das Kleine nicht leiden, es geht mir
wider den Sinn; und ist ein Schlupfwinkel, wohinein sich Mittelmässigkeit und
Schwäche verbirgt und bei Weibern und Kindern und Unverständigen grosstut.«
    Ich antwortete ihm, dass ich hierin gar sehr seiner Meinung wäre, dass aber
doch am Ende alle Kunst bloß Zeichen sei und Verstand und Geist am mehrsten von
einem Menschen entscheide; und dass, wer keinen Verstand habe, nirgendwo obenan
stehen könne. Michelangelo hätte sich überaus mit seinen Enakskindern, den
Propheten und Sibyllen genug gerechtfertigt. Unterdessen sei wieder wahr, es
könn einer außerordentlich viel Verstand und Erhabenheit in der Denkungsart
haben und doch ein schlechter Maler sein.
    Hier tat einer in der Ecke mit hämischem Blick und boshaftem Lächeln den
Mund voll gerader weißer scharfer Zähne aus einem prächtigen schwarzen Bart auf,
streckte die rechte Hand hervor aus einem abgetragnen grauen Mantel, fuhr in
meiner Rede fort und sagte:
    »Und einer blutwenig Verstand haben und ein sehr berühmter, vielleicht auch
guter Maler sein.
    In dieser Kunst kann es einer ohne Schöpfungskraft, Erfindungsgeist, ohne
eigentlichen Verstand, oder wie Ihr das heißt, was im Leben einen Menschen über
den andern setzt, nach dem allgemeinen Urteile weiter bringen als in irgendeiner
andern, wenn er nur ein gutes Auge hat, sich eine fertige Hand erwirbt im
Schweiße seines Angesichts und überdies Achtung gibt, was denen gefällt, die
reich sind und kaufen. Und je mehr er bloßer Kopist der Natur ist, desto mehr
wird er gefallen. Und er muss behaupten, dies sei das Wahre, und alle Überflüge
der Einbildungskraft, die nur hie und da einige Sonderlinge aufhielten, als
leeres Zeug verachten und fragen, was nennt ihr erhaben?«
    Ich wusste nicht, ob ich dies für Mutwillen, Satire oder Ernst
