 reinigen. Und was sind wir, denen die
Vorstellungen des Sophokles und Euripides zu grausam vorkommen?
    Es ist wohl wahr, der Mensch bezieht alles auf sich selbst, und also auch
die Werke der Kunst; sein Gefühl ist wie sein Charakter. Ein Miltiades,
Temistokles, ein Sylla und Cäsar können bei Gegenständen Vergnügen empfinden,
die bei einem Schwachen Abscheu erregen und ihn martern, weil er nicht die große
starke Selbstständigkeit hat, die Leiden andrer außer sich zu fühlen, ihre Natur
und Eigenschaften wie jene mit ihren Kräften zu ergründen und zu erkennen, die
Sphäre seines Geistes dabei zu erweitern und zugleich über alles dies
emporzuragen, ohne sich als Teil damit zu vermischen und selbst zu leiden.
Griechen und Römer vergnügte vieles, wovor wir fromme moralische Seelen Abscheu
haben. Der letztern Fechter waren meist zum Tode verdammte Sklaven; und die
Tragödien der ersteren zeigten ihnen, wie Menschen untergehen, die nicht
vollkommen genug sind, und wie Held und Heldin bei Ausübung hoher Tugenden
leiden soll oder sich weise mit ganzem Bewusstsein unter das Gesetz der
Notwendigkeit, den ungefähren Zusammenstoß der Begebenheiten beugt. Dies
ergreift männliche Seelen, und ein solch ausgewählt Leben, von trivialen
Lumpereien fern, dringt in nichtsdestoweniger rein und scharf fühlende Herzen;
es ging nach dem großen paradoxen, unsrer empfindelnden Welt unbegreiflichen
Grundsatze der Stoiker: der Weise erbarmt sich, hat aber kein Mitleiden.
    Die Pyramide ist ein gar herrlich Werk, hundert und etliche Fuß hoch. Sie
steht ewig jung da, obgleich das Grün von Gesträuchen sich hineingenistet hat,
wie ein gediegner Feuerwurf aus der Erde, so scharfflammend; grade gegen die
vier Weltteile mitten zwischen den Ringmauern, die Seite nach der Stadt gegen
Norden. Üppig fest trotzt sie der Luft, dem Himmel und seinen Wolken. Eine
dauerhaftere Form gibt's nicht: alles, was von oben herunterfällt und in der
Erde anzieht, macht sie stärker, die mächtigste Feindin der Zerstörung. Aber was
hilft's? Der Geist und das Leben ist doch weg aus dem Menschen, der darunter
begraben liegt; sein Name bleibt indessen immer etwas. Wie das zarte Schwarz dem
innen blendendweissen Marmor so lieblich lässt! Sie steigt hervor so natürlich wie
ein Gewächs, und die ägyptische Nachahmung schlägt alle römische Grabmäler,
selbst die der Metella, des August und Hadrian, darnieder.
    Da ich so nahe mich befand, wandelte ich noch zum Tore hinaus über die alte
Via Ostia nach der Sankt-Pauls-Kirche, die Konstantin der Große angelegt haben
soll. Welch ein Eindruck von verschiedenen Empfindungen! Schönheit und Pracht in
ihrer größten Herrlichkeit entzückt Augen und Phantasie: und die Armseligkeiten
darum her setzen einem das Messer an die Kehle wie Diebsgesindel. Man hat hier
Roms ungeheure Macht und Ruin
