 nichts gefährlicher als die Einsamkeit. Unsere
Einbildungskraft, durch ihre Natur gedrungen sich zu erheben, durch die
phantastischen Bilder der Dichtkunst genährt, bildet sich eine Reihe Wesen
hinauf, wo wir das unterste sind und alles außer uns herrlicher erscheint, jeder
andere vollkommener ist. Und das geht ganz natürlich zu. Wir fühlen so oft, dass
uns manches mangelt, und eben was uns fehlt, scheint uns oft ein anderer zu
besitzen, dem wir denn auch alles dazu geben, was wir haben, und noch eine
gewisse idealische Behaglichkeit dazu. Und so ist der Glückliche vollkommen
fertig, das Geschöpf unserer selbst.
    Dagegen, wenn wir mit all unserer Schwachheit und Mühseligkeit nur gerade
fortarbeiten, so finden wir gar oft, dass wir mit unserem Schlendern und Lavieren
es weiter bringen als andere mit ihrem Segeln und Rudern - und - das ist doch
ein wahres Gefühl seiner selbst, wenn man andern gleich oder gar vorläuft.
                                                           Am 26. November 1771.
Ich fange an, mich insofern ganz leidlich hier zu befinden. Das beste ist, dass
es zu tun genug gibt; und dann die vielerlei Menschen, die allerlei neuen
Gestalten machen mir ein buntes Schauspiel vor meiner Seele. Ich habe den Grafen
C.. kennen lernen, einen Mann, den ich jeden Tag mehr verehren muss, einen
weiten, großen Kopf, und der deswegen nicht kalt ist, weil er viel übersieht;
aus dessen Umgange so viel Empfindung für Freundschaft und Liebe hervorleuchtet.
Er nahm teil an mir, als ich einen Geschäftsauftrag an ihn ausrichtete und er
bei den ersten Worten merkte, dass wir uns verstanden, dass er mit mir reden
konnte wie nicht mit jedem. Auch kann ich sein offenes Betragen gegen mich nicht
genug rühmen. So eine wahre, warme Freude ist nicht in der Welt, als eine große
Seele zu sehen, die sich gegen einen öffnet.
                                                           Am 24. Dezember 1771.
Der Gesandte macht mir viel Verdruss, ich habe es vorausgesehn. Er ist der
pünktlichste Narr, den es nur geben kann; Schritt vor Schritt und umständlich
wie eine Base; ein Mensch, der nie mit sich selbst zufrieden ist, und dem es
daher niemand zu Danke machen kann. Ich arbeite gern leicht weg, und wie es
steht, so steht es; da ist er imstande mir einen Aufsatz zurückzugeben und zu
sagen: »Er ist gut, aber sehen Sie ihn durch, man findet immer ein besseres
Wort, eine reinere Partikel.« - Da möchte ich des Teufels werden. Kein Und, kein
Bindewörtchen darf aussenbleiben, und von allen Inversionen, die mir manchmal
entfahren, ist er ein Todfeind; wenn man seinen Period nicht nach der
hergebrachten Melodie heraborgelt, so versteht er gar nichts
