 einem Vorgefühl aller Freuden, sie ist bis auf den höchsten Grad
gespannt, sie streckt endlich ihre Arme aus, all ihre Wünsche zu umfassen - und
ihr Geliebter verlässt sie. - Erstarrt, ohne Sinne steht sie vor einem Abgrunde;
alles ist Finsternis um sie her, keine Aussicht, kein Trost, keine Ahnung! denn
der hat sie verlassen, indem sie allein ihr Dasein fühlte. Sie sieht nicht die
weite Welt, die vor ihr liegt, nicht die vielen, die ihr den Verlust ersetzen
könnten, sie fühlt sich allein, verlassen von aller Welt, - und blind, in die
Enge gepresst von der entsetzlichen Not ihres Herzens, stürzt sie sich hinunter,
um in einem rings umfangenden Tode alle ihre Qualen zu ersticken. - Sieh,
Albert, das ist die Geschichte so manches Menschen! und sag', ist das nicht der
Fall der Krankheit? Die Natur findet keinen Ausweg aus dem Labyrinthe der
verworrenen und widersprechenden Kräfte, und der Mensch muss sterben.
    Wehe dem, der zusehen und sagen könnte: Die Törin! Hätte sie gewartet, hätte
sie die Zeit wirken lassen, die Verzweifelung würde sich schon gelegt, es würde
sich schon ein anderer sie zu trösten vorgefunden haben. - Das ist eben, als
wenn einer sagte: Der Tor, stirbt am Fieber! Hätte er gewartet, bis seine Kräfte
sich erholt, seine Säfte sich verbessert, der Tumult seines Blutes sich gelegt
hätten: alles wäre gut gegangen, und er lebte bis auf den heutigen Tag!«
    Albert, dem die Vergleichung noch nicht anschaulich war, wandte noch einiges
ein, und unter andern: ich hätte nur von einem einfältigen Mädchen gesprochen;
wie aber ein Mensch von Verstande, der nicht so eingeschränkt sei, der mehr
Verhältnisse übersehe, zu entschuldigen sein möchte, könne er nicht begreifen. -
»Mein Freund,« rief ich aus, »der Mensch ist Mensch, und das bisschen Verstand,
das einer haben mag, kommt wenig oder nicht in Anschlag, wenn Leidenschaft wütet
und die Grenzen der Menschheit einen drängen. Vielmehr - Ein andermal davon...«
sagte ich und griff nach meinem Hute. O mir war das Herz so voll - Und wir
gingen auseinander, ohne einander verstanden zu haben. Wie denn auf dieser Welt
keiner leicht den andern versteht.
                                                                  Am 15. August.
Es ist doch gewiss, dass in der Welt den Menschen nichts notwendig macht als die
Liebe. Ich fühl's an Lotten, dass sie mich ungern verlöre, und die Kinder haben
keinen andern Begriff, als dass ich immer morgen wiederkommen würde. Heute war
ich hinausgegangen, Lottens Klavier zu stimmen, ich konnte aber nicht dazu
kommen, denn die Kleinen verfolgten
