 das Maß seines Leidens ausdauern kann, es mag nun moralisch
oder körperlich sein. Und ich finde es ebenso wunderbar zu sagen, der Mensch ist
feige, der sich das Leben nimmt, als es ungehörig wäre, den einen Feigen zu
nennen, der an einem bösartigen Fieber stirbt.«
    »Paradox! sehr paradox!« rief Albert aus. - »Nicht so sehr, als du denkst.«
versetzte ich. »Du gibst mir zu, wir nennen das eine Krankheit zum Tode, wodurch
die Natur so angegriffen wird, dass teils ihre Kräfte verzehrt, teils so außer
Wirkung gesetzt werden, dass sie sich nicht wieder aufzuhelfen, durch keine
glückliche Revolution den gewöhnlichen Umlauf des Lebens wieder herzustellen
fähig ist.
    Nun, mein Lieber, lass uns das auf den Geist anwenden. Sieh den Menschen an
in seiner Eingeschränkteit, wie Eindrücke auf ihn wirken, Ideen sich bei ihm
festsetzen, bis endlich eine wachsende Leidenschaft ihn aller ruhigen
Sinneskraft beraubt und ihn zugrunde richtet.
    Vergebens, dass der gelassene, vernünftige Mensch den Zustand des
Unglücklichen übersieht, vergebens, dass er ihm zuredet! Ebenso wie ein Gesunder,
der am Bette des Kranken steht, ihm von seinen Kräften nicht das geringste
einflößen kann.«
    Alberten war das zu allgemein gesprochen. Ich erinnerte ihn an ein Mädchen,
das man vor weniger Zeit im Wasser tot gefunden, und wiederholte ihm ihre
Geschichte. - »Ein gutes, junges Geschöpf, das in dem engen Kreise häuslicher
Beschäftigungen, wöchentlicher bestimmter Arbeit herangewachsen war, das weiter
keine Aussicht von Vergnügen kannte, als etwa Sonntags in einem nach und nach
zusammengeschaften Putz mit ihresgleichen um die Stadt spazierenzugehen,
vielleicht alle hohen Feste einmal zu tanzen und übrigens mit aller
Lebhaftigkeit des herzlichsten Anteils manche Stunde über den Anlass eines
Gezänkes, einer übelen Nachrede mit einer Nachbarin zu verplaudern - deren
feurige Natur fühlt nun endlich innigere Bedürfnisse, die durch die
Schmeicheleien der Männer vermehrt werden; ihre vorigen Freuden werden ihr nach
und nach unschmackhaft, bis sie endlich einen Menschen antrifft, zu dem ein
unbekanntes Gefühl sie unwiderstehlich hinreisst, auf den sie nun alle ihre
Hoffnungen wirft, die Welt rings um sich vergisst, nichts hört, nichts sieht,
nichts fühlt als ihn, den Einzigen, sich nur sehnt nach ihm, dem Einzigen. Durch
die leeren Vergnügungen einer unbeständigen Eitelkeit nicht verdorben, zieht ihr
Verlangen gerade nach dem Zweck, sie will die Seinige werden, sie will in ewiger
Verbindung all das Glück antreffen, das ihr mangelt, die Vereinigung aller
Freuden genießen, nach denen sie sich sehnte. Wiederholtes Versprechen, das ihr
die Gewissheit aller Hoffnungen versiegelt, kühne Liebkosungen, die ihre
Begierden vermehren, umfangen ganz ihre Seele; sie schwebt in einem dumpfen
Bewusstsein, in
