 konnte und
wodurch ihr eigenes Dasein ihr verächtlich wurde.
    Es ist wohl ein untrügliches Zeichen, dass einer keinen Beruf zum Dichter
habe, den bloß eine Empfindung im allgemeinen zum Dichten veranlasst und bei dem
nicht die schon bestimmte Szene, die er dichten will, noch eher als diese
Empfindung oder wenigstens zugleich mit der Empfindung da ist. Kurz, wer nicht
während der Empfindung zugleich einen Blick in das ganze Detail der Szene werfen
kann, der hat nur Empfindung, aber kein Dichtungsvermögen.
    Und gewiss ist nichts gefährlicher, als einem solchen täuschenden Hange sich
zu überlassen; die warnende Stimme kann nicht früh genug dem Jüngling zurufen,
sein Innerstes zu prüfen, ob nicht der Wunsch bei ihm an die Stelle der Kraft
tritt, und weil er diese Stelle nie ausfüllen kann, ein ewiges Unbehagen die
Strafe verbotenen Genusses bleibt.
    Dies war der Fall bei Reisern, der die besten Stunden seines Lebens durch
misslungene Versuche trübete, durch unnützes Streben nach einem täuschenden
Blendwerke, das immer vor seiner Seele schwebte und, wenn er es nun zu umfassen
glaubte, plötzlich in Rauch und Nebel verschwand.
    Wenn nun je der Reiz des Poetischen bei einem Menschen mit seinem Leben und
seinen Schicksalen kontrastierte, so war es bei Reisern, der von seiner Kindheit
an in einer Sphäre war, die ihn bis zum Staube niederdrückte und wo er, bis zum
Poetischen zu gelangen, immer erst eine Stufe der Menschenbildung überspringen
musste, ohne sich auf der folgenden erhalten zu können.
    So ging es ihm nun jetzt wieder in seiner äußerlichen Lage; er hatte
eigentlich keine Stube für sich, sondern musste, da es nun anfing kälter zu
werden, mit in der gemeinschaftlichen Stube wohnen, deren Einwohner, wenn
ausgefegt wurde, so lange herausgehen mussten.
    In dieser Stube wohnte die ganze Familie nebst Reisern und noch einem
Studenten, und jeder nahm seine Besuche von Fremden darin an; es wurde darin
erzählt, von Kindern gelärmt, gesungen, gezankt und geschrien; und dies war nun
die nächste Umgebung, worin Reiser seine philosophische Abhandlung über die
Empfindsamkeit schreiben und seine poetischen Ideale außer sich darstellen
wollte.
    Hier sollte also nun das Trauerspiel Siegwart geschrieben werden, das sich
mit seiner Einkehr bei dem Einsiedler anhub, welches immer Reisers Lieblingsidee
und die Lieblingsidee fast aller jungen Leute zu sein pflegt, welche sich
einbilden, einen Beruf zur Dichtkunst zu haben.
    Dies ist sehr natürlich, weil der Zustand eines Einsiedlers gewissermaßen an
sich selber schon Poesie ist und der Dichter seinen Stoff schon beinahe
vorgearbeitet findet.
    Wer aber zuerst auf solche Gegenstände fällt, bei dem ist es auch fast immer
ein Zeichen, dass bei ihm keine echte poetische Ader stattfinde, weil er die
Poesie in den Gegenständen sucht, die in ihm selber schon liegen müsste
