, soll denn eine höhere und die höchste Denkkraft auch nichts Höheres sagen
können? - Der sterbende Tischer wollte vielleicht mehr sagen, als er sein alles
zweimal wiederholte, aber seine Zunge oder seine Gedanken versagten ihm - und er
starb. -
    Dies waren die sonderbaren Ideen, die Reiser in sein Gedicht über die Mängel
der Vernunft brachte, das unter andern die Worte enthielt:
Das All, das die Vernunft im kühnsten Flug erschwingt,
Wie weit ists noch von dem, wonach der Seraph ringt? -
Zuletzt endigte sich denn das Gedicht auf eine sehr ortodoxe Weise, dass man
also doch zu dem Licht der Offenbarung am Ende seine Zuflucht nehmen müsse:
Ein Licht, das vor uns her durch dunkle Schatten geht
Und unsern Pfad erhellt - weh dem, der es verschmäht! -
Den Schluss billigte der Direktor sehr; das Ganze des Gedichts aber hielt er, wie
auch sehr natürlich war, für unverständlich. -
    Ein andermal arbeitete Reiser wieder ein Gedicht über die Zufriedenheit -
gleichsam zu seiner eignen Belehrung oder zur eignen Richtschnur seines Lebens
aus - nachdem er nun aber alle Beruhigungsgründe bei den Widerwärtigkeiten des
Lebens durchgegangen war und sich gleichsam in eine sanfte Stille eingewiegt
hatte, so erwachte doch am Ende wieder seine schwarze Melancholie - und er
beschloss die Reihe der sanften Empfindungen, welche in diesem Gedicht
ausgedrückt waren, doch am Ende mit folgenden Ausdrücken der Verzweiflung:
Doch machen ungemessne Leiden
Dir hier dein Leben selbst zur Qual -
Und findest du dann keinen Retter
Und keinen End'ger deiner Not -
Sieh auf! - er kommt im Donnerwetter -
O grüße, grüße deinen Tod!
Indem er einem solchen Gedanken nachhing, empfand er oft eine Art von
qualenvoller Wonne, wenn es dergleichen geben kann. -
    Dies Gedicht war gleichsam ein Gemälde aller seiner Empfindungen, die, wenn
sie auch sanft und ruhig anhuben, sich doch gemeiniglich auf die Weise zu
endigen pflegten. - Zu diesem Gange der Empfindungen war nun einmal durch alle
die unzähligen Kränkungen und Demütigungen, die er von Jugend auf erlitten
hatte, sein Gemüt gestimmt - bei der heitersten lachendsten Aussicht zog sich
das schwarze Melancholische immer wieder wie eine Wolke vor seine Seele. -
    Sobald sich auch sein Ausdruck dahin lenkte, wurde er natürlich und wahr. -
Wie er denn einmal den Auftrag erhielt, für jemanden verliebte Klagen zu
dichten. - Eine Situation, in welche er sich mit aller Anstrengung nicht
versetzen konnte, denn weil er gar nicht glaubte, dass er von einem Frauenzimmer
je geliebt werden könnte - indem er sein ganzes Äussre einmal für so wenig
empfehlend hielt, dass er gänzlich Verzicht darauf getan hatte, je zu gefallen;
so konnte er sich nie in die Lage eines solchen setzen, der darüber klagt, dass
