 dem ersten Bürgermeister, der zugleich Scholarch war, zum Kaffee gebeten;
dies war ihm eine ganz ungewohnte Ehre - er wusste sich nicht recht dabei zu
nehmen - und wurde nicht eher wieder heiter, als bis er sein schönes Kleid
ausgezogen hatte und des Abends wieder zu seinem Essigbrauer kam, wo Winter und
S ... und Philipp Reiser auch schon waren, die sich seines Glücks nun wirklich
freuten, und deren Teilnehmung ihm mehr wert war als alle das Glänzende dieses
Tages. -
    Reiser erhielt nun noch mehr Unterrichtsstunden, wodurch sich seine Einnahme
so verbesserte, dass er sich ein bessres Logie mieten, zuweilen einige seiner
Mitschüler zum Kaffee bitten und für einen Primaner auf einen ganz ansehnlichen
Fuß leben konnte - nun aber deuchte ihm das Geld, was er einnahm, gegen seine
sonstigen Einkünfte und Bedürfnisse gehalten so viel, dass ihm die Kostbarkeit
desselben und die Notwendigkeit des Zusammenhaltens auch nicht im mindesten
einleuchtete - er wurde auf die Weise durch seine stärkere Einnahme ärmer, als
er vorher war; und eben das, was eine Wirkung seines günstigen Glücks war, wurde
in der Folge wieder die Quelle seines Unglücks. -
    Da er nun aber die Achtung aller derer, die ihn kannten, und derer, von
welchen sein Glück abhing, so plötzlich und so unerwartet wiedergewonnen hatte,
so machte dies natürlicherweise einen Eindruck auf sein Gemüt, der ihn zu einem
edlen Bestreben anspornte, diese Achtung immer mehr zu verdienen - er fing an,
die Stunden des öffentlichen Unterrichts sorgfältiger wie jemals zu nutzen und
vorzüglich durch Aufschreiben sich, soviel er nur konnte, davon zu eigen zu
machen. -
    Die Übungen im Deklamieren währten fort - und Reiser verfertigte zu diesem
Endzweck noch ein Gedicht über die Mängel der Vernunft - ein Thema, das der
Direktor zur Ausarbeitung aufgegeben hatte. - Reiser brachte hier alle seine
Zweifel hinein, die er schon so lange mit sich herumgetragen hatte. - Die
Begriffe Alles und Sein als die höchsten Begriffe des menschlichen Verstandes
gnügten ihm nicht - sie schienen ihm eine enge und ängstliche Einschränkung zu
sein - dass nun damit alles menschliche Denken aufhören sollte - ihm fielen die
Worte des sterbenden alten Tischers ein - alles, alles, alles! - dass er
gleichsam da, wo sich ein neues Dasein von dem alten scheidet, diesen höchsten
Grenzbegriff so oft wiederholte - die Scheidewand sollte gleichsam
durchgebrochen werden. - Alles und Dasein mussten wieder untergeordnete Begriffe
von einem noch höheren, vielumfassendern Begriffe werden - alles, was ist - muss
noch etwas neben sich leiden, etwas - das zugleich mit allem, was ist, unter
etwas Höherem, etwas Erhabenerem begriffen wird - warum soll unser Denken die
letzte Grenze sein? - wenn wir nichts Höheres sagen können als alles, was da
ist
