 wurde ihm der Gedanke der Fremdheit dieses
Menschen, der gänzlichen Unbewussteit des einen von dem Namen und Schicksalen
des andern so lebhaft, dass er sich, so dicht es der Wohlstand erlaubte, an einen
solchen Menschen andrängte, um auf einen Augenblick in seine Atmosphäre zu
kommen und zu versuchen, ob er die Scheidewand nicht durchdringen könnte, welche
die Erinnerungen und Gedanken dieses fremden Menschen von den seinigen trennte.
- Noch eine Empfindung aus den Jahren seiner Kindheit ist vielleicht nicht
unschicklich, hier herangezogen zu werden - er dachte sich damals zuweilen, wenn
er andere Eltern als die seinigen hätte und die seinigen ihn nun nichts
angingen, sondern ihm ganz gleichgültig wären. - - Über den Gedanken vergoss er
oft kindische Tränen - seine Eltern mochten sein, wie sie wollten, so waren sie
ihm doch die liebsten - und er hätte sie nicht gegen die vornehmsten und
gütigsten vertauscht. - Aber zugleich kam ihm auch schon damals das sonderbare
Gefühl von dem Verlieren unter der Menge, und dass es noch so unzählig viele
Eltern mit Kindern außer den seinigen gab, worunter sich diese wieder verloren -
-
    Sooft er sich nachher in einem Gedränge von Menschen befunden hat, ist eben
dies Gefühl der Kleinheit, Einzelnheit und fast dem Nichts gleichen
Unbedeutsamkeit in ihm erwacht. - - Wieviel ist des mir gleichen Stoffes hier!
welch eine Menge von dieser Menschenmasse, aus welcher Staaten und Kriegsheere,
so wie aus Baumstämmen Häuser und Türme gebaut werden! -
    Das waren ungefähr die Gedanken, die damals ein dunkles Gefühl in ihm
hervorbrachten, weil er sie nicht in Worte einzukleiden und sie sich nicht
deutlich zu machen wusste.
    Einmal, da vier Missetäter auf dem Rabensteine vor Hannover geköpft wurden,
ging er unter der Menge von Menschen mit hinaus und sah nun vier darunter,
welche aus der Zahl der übrigen ausgetilget und zerstückt werden sollten. - Dies
kam ihm so klein, so unbedeutend vor, da der ihn umgebenden Menschenmasse noch
so viel war - als ob ein Baum im Walde umgehauen oder ein Ochse gefällt werden
sollte - und da nun die Stücken dieser hingerichteten Menschen auf das Rad
hinaufgewunden wurden und er sich selbst und die um ihn her stehenden Menschen
ebenso zerstückbar dachte - so wurde ihm der Mensch so nichtswert und
unbedeutend, dass er sein Schicksal und alles in dem Gedanken von tierischer
Zerstückbarkeit begrub - und sogar mit einem gewissen Vergnügen wieder zu Hause
ging und seinen Haarteig auf dem Wege verzehrte - denn es war damals gerade sein
schreckliches Vierteljahr, wo er manche Tage bloß von diesem Teige lebte. -
Nahrung und Kleidung war ihm gleichgültig so wie Tod und Leben - ob nun eine
solche bewegliche Fleischmasse, deren es eine so ungeheure Anzahl gibt, auf der
Welt mehr umhergeht oder nicht! - Dann konnte
