 war, wenn er ausgestreckt
rücklings auf dem Bette liegen konnte - in dieser Stellung blieb er denn oft
ganze Tage lang und las - dies war der einzige ihm übriggebliebene Genuss des
Lebens, an dem er sich noch festhielt, da sonst die tötendste Langeweile ihm das
elende Leben, was er noch fortschleppte, unerträglich gemacht haben würde. -
    Um sich nun zuweilen dem Geräusch, das ihn umgab, zu entziehen, scheute er
manchmal weder Regen noch Schnee, sondern machte des Abends, wenn es dunkel
wurde und er sicher war, dass er von niemanden gesehen, noch von irgendeinem
Menschen würde angeredet werden, einen Spaziergang auf dem Walle um die Stadt;
und bei diesen Spaziergängen war es, wo sich sein Geist immer etwas wieder
ermannte und ein Funke von Hoffnung, sich aus seinem schrecklichen Zustande
herauszuarbeiten, in seiner Seele wieder emporglimmte. -
    Wenn er dann auf den Straßen, die an den Wall grenzten, in den Häusern Licht
angesteckt sah und sich nun dachte, dass in jeder erleuchteten Stube, deren in
einem Hause oft so viele waren, eine Familie oder sonst eine Gesellschaft von
Menschen oder ein einzelner Mensch lebte, und dass eine solche Stube also in dem
Augenblick die Schicksale und das Leben und die Gedanken eines solchen Menschen
oder einer solchen Gesellschaft von Menschen in sich fasste, und dass er auch nun
nach dem vollendeten Spaziergange in eine solche Stube wieder zurückkehren
würde, wo er gleichsam hingebannt und wo der eigentliche Fleck seines Daseins
wäre, so brachte dies bei ihm zuerst eine sonderbare demütigende Empfindung
hervor, als sei nun sein Schicksal unter diesen unendlichen verwirrten Haufen
sich einander durchkreuzender menschlicher Schicksale gleichsam verloren und
werde dadurch klein und unbedeutend gemacht. - Dann erhoben aber auch eben diese
Lichter in den einzelnen Stuben in den Häusern am Walle zuweilen seinen Geist
wieder, wenn er einen Überblick des Ganzen daraus schöpfte und sich aus seiner
eigenen kleinen einengenden Sphäre, wodurch er sich unter allen diesen im Leben
unbemerkten und unausgezeichneten Bewohnern der Erde mitverlor, herausdachte und
sich ein besonderes ausgezeichnetes Schicksal prophezeite, wovon die süße
Vorstellung, indem er dann mit schnellen Schritten vorwärts ging, ihn aufs neue
mit Hoffnung und Mut belebte.
    Eine Reihe erleuchteter Wohnzimmer in einem fremden ihm unbekannten Hause,
wo er sich eine Anzahl Familien dachte, von deren Leben und Schicksalen er
ebensowenig als sie von den seinigen wusste, hat nachher beständig sonderbare
Empfindungen in ihm erweckt - die Eingeschränkteit des einzelnen Menschen ward
ihm anschaulich.
    Er fühlte die Wahrheit: man ist unter so vielen Tausenden, die sind und
gewesen sind, nur einer.
    Sich in das ganze Sein und Wesen eines andern hineindenken zu können, war
oft sein Wunsch - wenn er so auf der Straße zuweilen dicht neben einem ganz
fremden Menschen herging - so
