 Anfang zur Ausübung der
Tugend gewesen - aber auf diesen zu geringfügig scheinenden Fall hatte er sich
bei seinem heldenmütigen Entschlusse nicht gefasst gemacht.
    Wenn man die Begriffe der Menschen von der Tugend prüfen wollte, so würden
sie vielleicht bei den meisten auf ebensolche dunkle und verworrene
Vorstellungen hinauslaufen - und man sieht wenigstens hieraus, wie unnütz es
ist, im allgemeinen und ohne Anwendung auf ganz besondere und oft geringfügig
scheinende Fälle von Tugend zu predigen. -
    Reiser wunderte sich damals oft selbst darüber, wie seine plötzliche
Anwandlung von Tugendeifer so bald verrauchen und gar keine Spur zurücklassen
konnte - aber er erwog nicht, dass Selbstachtung, welche sich damals bei ihm nur
noch auf die Achtung anderer Menschen gründen konnte, die Basis der Tugend ist -
und dass ohne diese das schönste Gebäude seiner Phantasie sehr bald wieder
zusammenstürzen musste.
    Sooft es ihm während dieses Zustandes noch möglich gewesen war, einige
Groschen zusammenzubringen, so oft hatte er sie auch in die Komödie getragen -
da aber die Schauspielergesellschaft in der Mitte des Sommers wieder wegzog, so
war nun eine Wiese vor dem neuen Tore nicht nur das Ziel seiner Spaziergänge,
sondern fast sein immerwährender Aufenthalt - er lagerte sich hier zuweilen den
ganzen Tag auf einen Fleck im Sonnenschein hin oder ging längs dem Fluße
spazieren und freute sich vorzüglich, wenn er in der heißen Mittagsstunde keinen
Menschen um sich her erblickte. -
    Indem er hier ganze Tage lang seinen melancholischen Gedanken nachhing,
näherte sich seine Einbildungskraft unvermerkt mit großen Bildern, welche sich
erst ein Jahr nachher allmählich zu entwickeln anfingen. -
    Sein Lebensüberdruss aber wurde dabei aufs äußerste getrieben oft stand er
bei diesen Spaziergängen am Ufer der Leine, lehnte sich in die reissende Flut
hinüber, indes die wunderbare Begier zu atmen mit der Verzweiflung kämpfte und
mit schrecklicher Gewalt seinen überhängenden Körper wieder zurückbog. -
 
                                  Dritter Teil
                                     Vorrede
                                     (1786)
Mit dem Schluss dieses Teils heben sich Anton Reisers Wanderungen und mit ihnen
der eigentliche Roman seines Lebens an. Das in diesem Teil Entaltne ist eine
getreue Darstellung der Szenen seiner Jünglingsjahre, welche andern, denen diese
unschätzbare Zeit noch nicht entschlüpft ist, vielleicht zur Lehre und Warnung
dienen kann. Vielleicht enthält auch diese Darstellung manche nicht ganz unnütze
Winke für Lehrer und Erzieher, woher sie Veranlassung nehmen könnten, in der
Behandlung mancher ihrer Zöglinge behutsamer und in ihrem Urteil über dieselben
gerechter und billiger zu sein!
 
Auf diese Weise brachte er zwölf schreckliche Wochen seines Lebens zu, bis ihn
endlich der Pastor Marquard durch die dritte Hand selbst wissen ließ, dass er
sich seiner wieder annehmen wolle, sobald er sich zur ernstlichen Abbitte und
Reue über sein Betragen bequemte.
    Dies erweichte endlich sein Herz, da er überdem seines hartnäckigen Trotzes
und des darauffolgenden langwierigen Elendes müde war. Er setzte sich hin
