 seiner Stube
wieder allein sein zu können - welches ihm mehr wert war als die köstlichsten
Speisen, die er hätte genießen können. - Die Aussicht auf die Komödie am Abend
tröstete ihn, wenn er am Morgen zu einem traurigen Tage erwachte, wie er denn
nie anders erwachte. - Denn die Verachtung und der Spott seiner Mitschüler und
das dadurch erregte Gefühl seiner eignen Unwürdigkeit, welches er allenthalben
mit sich umhertrug, dauerte noch immer fort und verbitterte ihm sein Leben. -
Und alles, was er tat, um sich hievon loszureißen, war im Grunde eine bloße
Betäubung seines innern Schmerzes und keine Heilung desselben, sie erwachte mit
jedem Tage wieder, und während dass seine Phantasie ihm manche Stunde lang ein
täuschendes Blendwerk vormalte, verwünschte er doch im Grunde sein Dasein. -
    Die häufigen Tränen, welche er oft beim Buche und im Schauspielhause vergoss,
flossen im Grunde ebensowohl über sein eigenes Schicksal als über das Schicksal
der Personen, an denen er teilnahm, er fand sich immer auf eine nähere oder
entferntere Weise in dem unschuldig Unterdrückten, in dem Unzufriednen mit sich
und der Welt, in dem Schwermutsvollen und dem Selbstasser wieder. -
    Die drückende Hitze im Sommer trieb ihn oft aus seiner Stube in die Küche
oder in den Hof hinunter, wo er sich auf einen Holzhaufen setzte und las und oft
sein Gesicht verbergen musste, wenn etwa jemand hereintrat und er mit
rotgeweinten Augen dasaß. -
    Das war wieder the Joy of Grief, die Wonne der Tränen, die ihm von Kindheit
auf im vollen Masse zuteil ward, wenn er auch alle übrigen Freuden des Lebens
entbehren musste.
    Dies ging so weit, dass er selbst bei komischen Stücken, wenn sie nur einige
rührende Szenen enthielten, als z.B. bei der Jagd, mehr weinte als lachte - was
aber auch ein solches Stück damals für Wirkung tun musste, kann man wieder aus
der Rollenbesetzung schließen, indem die Charlotte Ackermann Röschen, ihre
Schwester Hannchen, die Reinecken die Mutter, Schröder den Töffel, Reineck den
Vater und Dauer den Christel spielte. -
    Wenn irgend äußere Umstände fähig waren, jemanden einen entschiednen
Geschmack am Theater beizubringen, so war es, Reisers Vorliebe und seine
besonderen Verhältnisse abgerechnet, der Zufall, welcher diese vortrefflichen
Schauspieler damals in eine Truppe zusammenbrachte.
    Man kann nun leicht schließen, wie Romeo und Julie, die Rache von Young, die
Oper Klarisse, Eugenie, welche Stücke auf Reisern den stärksten Eindruck
machten, gegeben werden mussten. -
    Dies hatte nun auch so sehr alle seine Gedanken eingenommen, dass er alle
Morgen den Komödienzettel gleichsam verschlang und alles, auch das: der Anfang
ist präzise um halb sechs Uhr und der Schauplatz ist auf dem königlichen
Schlossteater, gewissenhaft mitlas - und für
