 sollte?« So legte Reiser
das Ich meine Ihn ja nicht! aus, und er kam sich in dem Augenblick so
unbedeutend, so weggeworfen, so nichts vor, dass ihm sein Gesicht, seine Hände,
sein ganzes Wesen zur Last war und er nun die dümmste und albernste Figur
machte, so wie er dastand, und zugleich dies Alberne und Dumme in seinem
Betragen lebhafter und stärker als irgend jemand außer ihm empfand. -
    Hätte Reiser irgend jemanden gehabt, der an seinem Schicksal wahren Anteil
genommen hätte, so würden ihm dergleichen Begegnungen vielleicht nicht so
kränkend gewesen sein. Aber so war sein Schicksal an die eigentliche Teilnehmung
anderer Menschen nur mit so schwachen Fäden geknüpft, dass die anscheinende
Ablösung irgendeines solchen Fadens ihn plötzlich das Zerreissen aller übrigen
befürchten ließ und er sich dann in einem Zustand sah, wo er keines Menschen
Aufmerksamkeit auf sich mehr erregte, sondern sich für ein Wesen hielt, auf das
weiter gar keine Rücksicht genommen wurde. - Die Scham ist ein so heftiger
Affekt wie irgendeiner, und es ist zu verwundern, dass die Folgen desselben nicht
zuweilen tödlich sind.
    Die Furcht, in einem lächerlichen Lichte zu erscheinen, war bei Reisern
zuweilen so entsetzlich, dass er alles, selbst sein Leben, würde aufgeopfert
haben, um dies zu vermeiden. - Niemand hat das
    Infelix paupertas, quia ridiculos miseros facit,
    Traurig ist das Los der Armut, weil sie die Unglücklichen lächerlich macht,
wohl stärker empfunden als er, dem lächerlich zu werden das größte Unglück auf
der Welt dünkte. - Es gibt eine Art des Lächerlichen, welche ihm noch am
erträglichsten war - wenn nämlich Leute bloß der Sonderbarkeit wegen über etwas
lachen, das sie sich selbst nicht nachzutun getrauen, ohne es deswegen in einem
verächtlichen Lichte zu betrachten.
    Wenn er z.B. etwa von sich sagen hörte: Der Reiser ist doch ein sonderbarer
Mensch, er geht des Abends ganz im Finsteren dreimal um den Wall und spricht mit
niemand als mit sich selbst, indem er sich die Lektion des Tages wiederholt,
usw. - so war ihm das gar nicht unangenehm zu hören, es hatte vielmehr etwas
Schmeichelhaftes für ihn, auf die Weise in einem gewissen sonderbaren Lichte zu
erscheinen. - Aber als Iffland seinen Vers:
An euch, ihr schönen Wissenschaften,
An euch soll meine Seele haften,
lächerlich machte, das war für ihn sehr kränkend und beschämend, und er hätte
viel darum gegeben, dass er diesen Vers nicht gemacht hätte.
    Nachdem Reiser ein Vierteljahr lang die Singstunden des Kantors besucht
hatte, erreichte er nun auch das so sehnlich gewünschte Glück, ins Chor zu
gehen, wo er die Altstimme sang. -
    Die Freude über seinen neuen Stand eines Chorschülers dauerte einige Wochen,
solange
