 kann jemand am Ende so weit gebracht werden, dass er
sich selbst als einen Gegenstand der allgemeinen Verachtung ansieht und es nicht
mehr wagt, die Augen vor jemanden aufzuschlagen - er kann auf die Weise in der
größten Unschuld seines Herzens alle die Kennzeichen eines bösen Gewissens an
sich blicken lassen, und wehe ihm dann, wenn er einem eingebildeten
Menschenkenner, wie es so viele gibt, in die Hände fällt, der nach dem ersten
Eindruck, den seine Miene auf ihn macht, sogleich seinen Charakter beurteilt. -
    Unter allen Empfindungen ist wohl der höchste Grad der Beschämung, worin
jemand versetzt wird, eine der peinigendsten.
    Mehr als einmal in seinem Leben hat Reiser dies empfunden, mehr als einmal
hat er Augenblicke gehabt, wo er gleichsam vor sich selber vernichtet wurde -
wenn er z.B. eine Begrüßung, ein Lob, eine Einladung oder dergleichen auf sich
gedeutet hatte, womit er nicht gemeinet war. - Die Beschämung und die
Verwirrung, worin ein solcher Missverstand ihn versetzen konnte, war
unbeschreiblich. -
    Es ist auch ein ganz besonderes Gefühl dabei, wenn man aus Missverstand sich
eine Höflichkeit zurechnet, die einem andern zugedacht ist. Eben der Gedanke,
dass man zu sehr von sich eingenommen sein könne, ist es, der so etwas
außerordentlich Demütigendes hat. Dazu kommt das lächerliche Licht, in welchem
man zu erscheinen glaubt. - Kurz, Reiser hat in seinem Leben nichts
Schrecklichers empfunden als diesen Zustand der Beschämung, worin ihn oft eine
Kleinigkeit versetzen konnte. - Alles andere griff nicht so sein innerstes
Wesen, sein eigentliches Selbst an als grade dies. In Ansehung dieser Art des
Leidens hat er auch das stärkste Mitleid empfunden. Um jemanden eine Beschämung
zu ersparen, würde er mehr getan haben, als um jemanden aus würklichem Unglück
zu retten: denn die Beschämung deuchte ihm das größte Unglück, was einem
widerfahren kann.
    Er war einmal bei einem Kaufmann in Hannover, der gemeiniglich statt der
Person, mit der er sprach, einen andern anzusehen pflegte. Dieser bat, indem er
Reisern ansah, einen andern, der mit in der Stube war, zum Essen, und da Reiser
die Einladung auf sich deutete und sie höflich ablehnte, so sagte der Kaufmann
mit sehr trockner Miene: Ich meine Ihn ja nicht! - Dies Ich meine Ihn ja nicht!
mit der trocknen Miene tat eine solche Wirkung auf Reisern, dass er glaubte, in
die Erde sinken zu müssen; dies Ich meine Ihn ja nicht! verfolgte ihn nachher,
wo er ging und stund, und machte seine Stimme gebrochen und zitternd, wenn er
mit Vornehmern reden sollte, sein Stolz konnte dies nie wieder ganz verwinden.
    »Wie kann Er glauben, dass man Ihn zum Essen bitten
