
        
                              Karl Philipp Moritz
                                  Anton Reiser
                           Ein psychologischer Roman
                                   Erster Teil
                                     Vorrede
                                     (1785)
Dieser psychologische Roman könnte auch allenfalls eine Biographie genannt
werden, weil die Beobachtungen grösstenteil/s aaus dem wirklichen Leben genommen
sind. - Wer den Lauf der menschlichen Dinge kennt und weiß, wie dasjenige oft im
Fortgange des Lebens sehr wichtig werden kann, was anfänglich klein und
unbedeutend schien, der wird sich an die anscheinende Geringfügigkeit mancher
Umstände, die hier erzählt werden, nicht stoßen. Auch wird man in einem Buche,
welches vorzüglich die innere Geschichte des Menschen schildern soll, keine
große Mannigfaltigkeit der Charaktere erwarten: denn es soll die vorstellende
Kraft nicht verteilen, sondern sie zusammendrängen und den Blick der Seele in
sich selber schärfen. - Freilich ist dies nun keine so leichte Sache, dass gerade
jeder Versuch darin glücken muss - aber wenigstens wird doch vorzüglich in
pädagogischer Rücksicht das Bestreben nie ganz unnütz sein, die Aufmerksamkeit
des Menschen mehr auf den Menschen selbst zu heften und ihm sein individuelles
Dasein wichtiger zu machen.
In Pyrmont, einem Orte, der wegen seines Gesundbrunnens berühmt ist, lebte noch
im Jahre 1756 ein Edelmann auf seinem Gute, der das Haupt einer Sekte in
Deutschland war, die unter dem Namen der Quietisten oder Separatisten bekannt
ist, und deren Lehren vorzüglich in den Schriften der Mad. Guion, einer
bekannten Schwärmerin, enthalten sind, die zu Fénelons Zeiten, mit dem sie auch
Umgang hatte, in Frankreich lebte.
    Der Herr von Fleischbein, so hieß dieser Edelmann, wohnte hier von allen
übrigen Einwohnern des Orts und ihrer Religion, Sitten und Gebräuchen ebenso
abgesondert, wie sein Haus von den ihrigen durch eine hohe Mauer geschieden war,
die es von allen Seiten umgab.
    Dies Haus nun machte für sich eine kleine Republik aus, worin gewiss eine
ganz andre Verfassung als rund umher im ganzen Lande herrschte. Das ganze
Hauswesen bis auf den geringsten Dienstboten bestand aus lauter solchen
Personen, deren Bestreben nur dahin ging oder zu gehen schien, in ihr Nichts
(wie es die Mad. Guion nennt) wieder einzugehen, alle Leidenschaften zu ertöten
und alle Eigenheit auszurotten.
    Alle diese Personen mussten sich täglich einmal in einem großen Zimmer des
Hauses zu einer Art von Gottesdienst versammlen, den der Herr von Fleischbein
selbst eingerichtet hatte, und welcher darin bestand, dass sie sich alle um einen
Tisch setzten und mit zugeschlossnen Augen, den Kopf auf den Tisch gelegt, eine
halbe Stunde warteten, ob sie etwa die Stimme Gottes oder das innere Wort in sich
vernehmen würden. Wer dann etwas vernahm, der machte es den übrigen bekannt.
    Der Herr von Fleischbein bestimmte auch die Lektüre seiner Leute, und wer
von den Knechten oder Mägden eine müßige Viertelstunde hatte, den sah man nicht
anders als mit einer
