
Geschöpfe sich nie unterstehen dürfen, nach ihrem eigenen Gefühl zu sprechen;
dass die Aufseherinnen nie einen eigenen Gedanken bei dem Kinde aufkommen lassen;
dass die Gouvernante, wenn man ihren Zögling um etwas fragt, sogleich ins Wort
fällt, ihren eigenen Witz anbringt, und ein Kompliment herleiert, welches das
arme kleine Ding oft mit weinerlicher Stimme nachbetet. - Müssen dadurch nicht
falsche Menschen gebildet werden? und ging nicht auf diesem Wege die belobte
deutsche Treuherzigkeit verloren? -
    Aber wo gerate ich hin! Doch Wahrheit steht immer am rechten Orte; und weil
ich einmal dabei bin, Seitensprünge zu machen, so erlauben Sie mir, noch einen
Missbrauch zu rügen, der - mit Erlaubnis, Frau Pastorin, - ihrem ganzen
Geschlechte als Erbübel eigen ist: ich meine die Schwachheit, einen
ausgezeichneten Wert auf körperliche Vorzüge zu legen. In einem gesunden Leibe
kann eine gesunde Seele wohnen. Sie tut's nicht überall und jederzeit, aber der
Satz ist richtig; und daher ist alle Pflege, die auf Gesundheit des Körpers
abzweckt, höchst vernünftig. Die weibliche Aufsicht geht indes gemeinhin nur auf
Schönheit aus, und das ist nicht recht. Schon in meinem Knabenalter fiel mir's
besonders auf, dass die lieben Weiberchen, sobald dies oder jenes Frauenzimmer
genannt wurde, gleich mit der Frage d'rüber herfielen: »Ist sie hübsch? Ist sie
gut gewachsen?« Ich habe nachher in allen Frauengesellschaften die nämliche
Bemerkung zu machen Gelegenheit gehabt. Nie wird gefragt: ist sie sittsam? ist
sie häuslich? hat sie weibliche Geschicklichkeiten? etc. - Ihr glaubt's nicht,
liebe Weiberchen, welchen Eindruck das auf Eure Töchter von früher Jugend an
macht. Natürlich denken sie: Schönheit, und alles, was diese geltend macht, sei
des höchsten Bestrebens wert; um so mehr, wenn sie bemerken, dass gute liebe
Mädchen, welche die Natur nicht begünstigte, oft sogar von ihren Eltern
zurückgesetzt werden. Die Schönheit ist ein dankenswertes Geschenk der Natur,
doch aber nicht das erste und vorzüglichste; wozu sie freilich dann erhoben
wird, wenn die Menschen zu roh sind, moralischen Wert zu fühlen. - »Der Amtmann
ist ein Schwätzer,« rief die Pastorin lachend, »die Schönheit wird doch ihren
Wert behalten!« - Ganz gewiss, liebe Nachbarin, (entgegnete Grüntal) ihren
Wert, aber nicht den Preis; und damit sei es für heute genug.
Ich hatte in langer Zeit nur drei oder vier Briefe von Julchen bekommen. Es war
mir nicht möglich, ihr keine Vorwürfe deshalb zu machen, wobei mir Anspielungen
auf den wahren Zustand ihres Herzens entfallen sein mochten. Sie beantwortete
dies in einem beleidigten Tone, der mich das sanfte, folgsame Mädchen gar
