 war schon, seit
Ostern, in seine neue Stadtpfarre eingezogen. Seine Stelle bei uns war mit einem
jungen Manne besetzt, der den Bauern für sein Leben gern Freiheit und Gleichheit
gepredigt, und die französische Vernunftreligion gelehrt hätte, wäre die liebe
Obrigkeit und der Landrat nur nicht gewesen, der die Kantons fleißig bereisete.
Marat war sein Heiliger, und Robespierre mordete noch nicht genug. Oft ging er
bei Wind und Wetter dem Zeitungsboten Meilen Weges entgegen. Meinetalben mochte
er, wenn er mir nur auch meinen Sinn verstattet hätte; aber dieser Enragé schlug
oft in seinem revolutionnairen Eifer mit der Faust auf den Tisch, und weckte
meine arme Kranke, wenn sie in heissersehnten Schlummer gesunken war. Das
schreckte mich von seinem ungelenkigen Umgange so ab, dass ich mich verleugnen
ließ, wenn er mit neuen Zeitungen angesprengt kam. Es fehlte mir also durchaus
an einem teilnehmenden Freunde, da mein Leiden zu schwer wurde, als dass ich's
allein ertragen konnte. Jetzt fühlte ich's, wie wohl dem Menschen ist, wenn er
sich den Gedanken an Gott nicht zu fremd hat werden lassen; wenn Kreuz und Not
hereinbricht, ist die ununterstützte Vernunft eine zerbrechliche Stütze! Zwar
sang ich keine Danklieder, als mein frommes Weib an meinem Herzen verschied;
auch vermocht' ich nicht, so gleich zu sagen: was Gott tut, das ist wohl
getan; aber mein Herz verschloss sich nicht widerspenstig den Tröstungen der
Religion, die ich, in ihrer ganzen Kraft, auf meine Seele wirken ließ.
    Meine Freunde werden hier dem schwergebeugten Herzen gern einen Ruhepunkt
verstatten. Wer eines solchen Weibes ohne innige Rührung gedenken kann, war
nicht wert, an ihrer Seite zu leben. Ich habe ihrer kleinen Schwächen und
Eitelkeiten erwähnen müssen, in so fern sie dem Schicksale meiner Tochter eine
Richtung gaben, die nicht diejenige war, welche ich ihm zu geben wünschte. Aber
sträflich wär's, gedächte ich nicht auch ihrer ungeheuchelten Frömmigkeit, ihres
reinen, unbefleckten Lebens, ihrer Treue in Erfüllung aller häuslichen Tugenden,
und der unverbrüchlichen, zärtlichen Liebe gegen mich. In diesem allen konnte
sie ein Vorbild ihres Geschlechts genannt werden. Und was war sie mir dennoch
durch ihren hellen Sinn für jede Art von wirtschaftlicher Ordnung! In allen
Fächern des Hauswesens hinterließ sie Denkmäler ihres Fleißes und
Ordnungsgeistes. Sie verstand in einem hohen Grade, Wohltätigkeit mit
vernünftiger Sparsamkeit zu verbinden; eine Tugend, ich meine diese letzte, der
wir Männer nicht immer mit der gehörigen Achtung begegnen, weil sie mit unsern,
im ehelosen Stande angenommenen Gewohnheiten oft im Widerspruche steht. Wir
übersehen im Unmute oft, wie viel wir von dem Wohlstande und der
Bequemlichkeit, die sie um uns her verbreitet, ihr zu verdanken haben.
