 Grams; und dann: dass ich ihn nicht mit dem kindlichen, hingebenden
Zutrauen auf Vorsicht und Menschheit tragen kann! Den Glauben raubte mir frecher
Witz. Die spottende, leichtsinnige Welt spielte mir tändelnd einen festen,
haltbaren Stab aus der Hand, und gab mir dagegen ein dünnes, zerbrechliches
Röhrchen, das nun, da die Stürme des Lebens über mich gehen, zerknickt. Ich
schämte mich meiner Katechismusreligion wie eines kleinstädtischen
Kleidungsstückes, wusste aber nichts an ihre Stelle zu setzen; denn die kühnen
Äußerungen, welchen man in den mehrsten Gesellschaften ausgesetzt ist, hatten
zwar bei mir eingerissen, aber Bonmots sind kein Ersatz. Ich blieb einer
düstern, unbestimmten Zweifelsucht preisgegeben, die mich in einzelnen
Augenblicken, gleich einem plötzlichen Schreck, angriff. Dies war aber zu
vorübergehend, als dass es hätte bis zur Unruhe steigen können. Und, wie denn bei
dem gewöhnlichen Menschenschlage die Religion ein isolirtes, mit dem Tun und
Wesen derselben in keiner Verbindung stehendes, Ding ist, so kamen auch mir
diese ernstern Stunden, so lange wir im Wohlstande waren, ziemlich selten; aber
da der Sonnenschein der guten Tage vorübergegangen war, empfand ich mit
Schrecken, wie viel ich an dem eingebüßt hatte, was mir in frühern Tagen die
Religion galt.«
    Still für mich stellte ich diese Betrachtungen an, und brach dann noch
einmal in die Worte aus: »O, dass ich diese Stadt und diese Menschen nie mit
Augen gesehen hätte!« - »Minna,« sagte mein Gatte, »lass uns nicht ungerecht
sein! Lass uns nicht diese gute Stadt anklagen, weil wir sie missbrauchten!
Vielleicht gibt es wenig große Städte, die so viele öffentliche und
Privattugenden aufzuweisen haben; aber sie zu finden, muss man freilich nicht den
Weg einschlagen, den wir wählten. Die Trefflichen und Guten lauern nicht am
breiten Wege der üppigen Freuden, dass der Vorübertaumelnde sie wild an sich
reiße. Im stillen Kreise geräuschloser Freuden wirken sie im Verborgenen, und
nehmen den Suchenden mit entgegenkommender Güte auf. Wir rangen nach Betäubung,
nicht nach Glück. Jene wurde uns eine Zeitlang gewährt, und dieses, - mein Herz
sagt mir's, - werden wir noch finden, sobald wir ernstlich wollen. Mein Rausch
ist auf immer vorüber. Die Jahre und die Veranlassung zum ernsten Nachdenken
sind da; überlege auch Du, meine arme Minna, mit Nüchternheit. Es wird noch
wieder gut; das ahne ich sehr deutlich.« - Er legte die Feder hin, kleidete sich
an, und verließ mich, ohne weiter zu sprechen.
    Dieser Tag war einer der bittersten meines Lebens. Ob schon unsre Lage sich
im Wesentlichen um nichts verschlimmert hatte, so war ich doch um eine Hoffnung
ärmer geworden
