
    Aber alle diese Ungereimteiten werden unerheblich, wenn wir sie mit
demjenigen vergleichen, was ein sonst in seiner Art sehr verdienter Sammler von
Materialien zur Geschichte des menschlichen Verstandes42 die Philosophie des
Demokritus nennt. Es würde schwer sein, von einem Haufen einzelner Trümmer,
Steine und zerbrochener Säulen, die man als vorgebliche Überbleibsel des großen
Tempels zu Olympia aus unzähligen Orten zusammengebracht hätte, mit Gewissheit zu
sagen, dass es wirklich Trümmer dieses Tempels seien. Aber was würde man von
einem Manne denken, der - wenn er diese Trümmer, so gut es ihm in der Eile
möglich gewesen wäre, auf einander gelegt, und mit etwas Leim und Stroh
zusammengeflickt hätte - ein so armseliges Stückwerk, ohne Plan, ohne Fundament,
ohne Größe, ohne Symmetrie und Schönheit, für den Tempel zu Olympia ausgeben
wollte?
    Überhaupt ist es gar nicht wahrscheinlich, dass Demokritus ein System gemacht
habe. Ein Mann, der sein Leben mit Reisen, Beobachtungen und Versuchen zubringt,
lebt selten lange genug, um die Resultate dessen, was er gesehen und erfahren,
in ein kunstmässiges Lehrgebäude zusammenzufügen. Und in dieser Rücksicht könnte
wohl auch Demokritus, wiewohl er über ein Jahrhundert gelebt haben soll, noch
immer zu früh vom Tod überrascht worden sein. Aber dass ein solcher Mann, mit dem
durchdringenden Verstande und mit dem brennenden Durste nach Wahrheit, den ihm
das Altertum einhellig zuschreibt, fällig gewesen sei, handgreiflichen Unsinn zu
behaupten, ist noch etwas weniger als unwahrscheinlich. »Demokritus (sagt man
uns) erklärte das Dasein der Welt lediglich aus den Atomen, dem leeren Raum, und
der Notwendigkeit oder dem Schicksal. Er fragte die Natur achtzig Jahre lang,
und sie sagte ihm kein Wort von ihrem Urheber, von seinem Plan, von seinem
Endzweck, Er schrieb den Atomen allen einerlei Art von Bewegung zu, und wurde
nicht gewahr43, dass aus Elementen, die sich in parallelen Linien bewegen, in
Ewigkeit keine Körper entstehen können, Er leugnete, dass die Verbindung der
Atomen nach dem Gesetze der Ähnlichkeit geschehe; er erklärte alles in der Welt
aus einer unendlich schnellen, aber blinden Bewegung: und behauptete gleichwohl,
dass die Welt ein Ganzes sei?« u.s.f. Diesen und andern ähnlichen Unsinn setzt
man auf seine Rechnung; citiert den Stobäus, Sextus, Censorinus; und bekümmert
sich wenig darum, ob es unter die möglichen Dinge gehöre, dass ein Mann von
Verstande (wofür man gleichwohl den Demokritus ausgibt,) so gar erbärmlich
raisonnieren könnte. Freilich sind große Geister von der Möglichkeit sich zu
irren, oder unrichtige Folgerungen zu ziehen, eben so wenig frei als die
kleinen; wiewohl man gestehen muss, dass sie unendlichmal seltener in diese Fehler
fallen, als es die Lilliputter gerne
