 Regeln der Kunstwerke, sprach er, können nie willkürlich sein.
Ich fordre nichts von einem Trauerspiele, als was Sophokles von den seinigen
fodert; und dies ist weder mehr noch weniger, als die Natur und Absicht der
Sache mit sich bringt. Einen einfachen wohldurchgedachten Plan, worin der
Dichter alles vorausgesehen, alles vorbereitet, alles natürlich zusammengefügt,
alles auf Einen Punkt geführt hat; worin jeder Teil ein unentbehrliches Glied,
und das Ganze ein wohlorganisierter, schöner, frei und edel sich bewegender
Körper ist! Keine langweilige Exposition, keine Episoden, keine Szenen zum
Ausfüllen, keine Reden, deren Ende man mit Ungeduld herbeigähnt, keine
Handlungen, die nicht zum Hauptzwecke arbeiten! Interessante, aus der Natur
genommene Charaktere, veredelt, aber so, dass man die Menschheit in ihnen nie
verkenne; keine übermenschliche Tugenden, keine Ungeheuer von Bosheit! Personen,
die immer ihren eigenen Individualbegriffen und Empfindungen gemäß reden und
handeln; immer so, dass man fühlt, nach ihrem besonderen Charakter, nach allen
ihren vorhergehenden und gegenwärtigen Umständen und Bestimmungen, müssen sie im
gegebenen Falle so reden, so handeln, oder aufhören zu sein was sie sind. Ich
fodre dass der Dichter nicht nur die menschliche Natur kenne, in so ferne sie das
Modell aller seiner Nachbildungen ist; ich fodre, dass er auch auf die Zuschauer
Rücksicht nehme, und genau wisse, durch welche Wege man sich ihres Herzens
Meister macht; dass er jeden starken Schlag, den er auf solches tun will,
unvermerkt vorbereite; dass er wisse wenn es genug ist, und, eh er es uns durch
einerlei Eindrücke völlig ermüdet, oder einen Affect bis zu dem Grade, wo er
peinigend zu werden anfängt, in uns erregt, dem Herzen kleine Ruhepunkte zur
Erholung gönne, und die Regungen, die er uns mitteilt, ohne Nachteil der
Hauptwirkung, zu vermannichfaltigen wisse. Ich fodre von ihm eine schöne, und
ohne Ängstlichkeit mit äusserstem Fleiße polierte Sprache; einen immer warmen
kräftigen Ausdruck, einfach und erhaben, ohne jemals zu schwellen noch zu
sinken, stark und nervicht, ohne rau und steif zu werden, glänzend, ohne zu
blenden; wahre Heldensprache, die immer der lebende Ausdruck einer großen Seele
und unmittelbar vom gegenwärtigen Gefühl eingegeben ist, nie zu viel, nie zu
wenig sagt, und, gleich einem dem Körper angegossnen Gewand, immer den
eigentümlichen Geist des Redenden durchscheinen lässt. Ich fodre, dass derjenige,
der sich unterwindet, Helden reden zu lassen, selbst eine große Seele habe; und
indem er durch die Allgewalt der Begeisterung in seinen Helden verwandelt worden
ist, alles, was er ihm in den Mund logt, in seinem eignen Herzen finde. Ich
fodre -
    »O, Herr Demokritus«,
