 Leibe atmete, und ließ sichs nicht
einfallen, scheiden zu wollen, was die Muse untrennbar zusammengefügt hatte, das
Wahre unter der Hülle des Wunderbaren, und das Nützliche durch eine
Mischungskunst, die nicht allen geoffenbart ist, vereinbart mit dem Schönen und
Angenehmen.
    Wie es bei allen menschlichen Dingen geht, so ging es auch hier. Nicht
zufrieden, in Homers Gedichten warnende oder aufmunternde Beispiele, einen
lehrreichen Spiegel des menschlichen Lebens in seinen mancherlei Ständen,
Verhältnissen und Szenen zu finden, wollten die Gelehrten späterer Zeiten noch
tiefer eindringen, noch mehr sehen, als ihre Vorfahren; und so entdeckte man
(denn was entdeckt man nicht, wenn man sichs einmal in den Kopf gesetzt hat,
etwas zu entdecken) in dem was nur Beispiel war, Allegorie, in allem, sogar in
den bloßen Maschinen und Decorationen des poetischen Schauplatzes, einen
mystischen Sinn, und zuletzt in jeder Person, jeder Begebenheit, jedem Gemälde,
jeder kleinen Fabel, Gott weiß was für Geheimnisse von hermetischer, orphischer
und magischer Philosophie, an die der gute Dichter in der Unschuld seines
Herzens gewiss so wenig gedacht hatte, als Virgil, dass man zwölf hundert Jahre
nach seinem Tode mit seinen Versen die bösen Geister beschwören würde.
    Immittelst wurde es unvermerkt zu einem wesentlichen Requisit eines epischen
Gedichts (wie man die größeren und heroischen poetischen Fabeln zu nennen
pflegte,) dass es außer der natürlichen Sinn und der Moral, die es beim ersten
Anblick darbot, noch einen andern geheimen und allegorischen haben müsse -
wenigstens gewann diese Grille bei den Italiänern und Spaniern die Oberhand; und
es ist mehr als lächerlich, zu sehen, was für eine undankbare Mühe sich die
Ausleger oder auch wohl die Dichter selbst geben, um aus einem Amadis und
Orlando, aus Trissins befreitem Italien oder Kamoens Lusiade, ja sogar aus dem
Adone des Marino, alle Arten von metaphysischer, politischer, moralischer,
physikalischer und teologischer Allegorien herauszuspinnen. Da es nun nicht die
Sache der Leser war, in diese Geheimnisse aus eigener Kraft einzudringen: so
musste man ihnen, wenn sie so herrlicher Schätze nicht verlustigt werden sollten,
notwendig einen Schlüssel dazu geben; und dieser Schlüssel war eben die
Exposition des allegorischen oder mystischen Sinnes; wiewohl der Dichter,
gewöhnlicherweise, erst wen er mit dem ganzen Werk fertig war, daran dachte, was
vor versteckte Ähnlichkeiten und Beziehungen sich etwa aus seinen Dichtungen
herausholen lassen könnten.
    Was bei vielen Dichtern bloße Gefälligkeit gegen eine herrschende Mode war,
über welche sie sich nicht hinwegzusetzen wagten, wurde für andre wirklicher
Zweck und Hauptwerk. Der berühmte Zodiacus vitae des sogenannten Palingenius,
die Argenis des Barclei, die Feenkönigin des Spencer, die neue Atlantis der Dame
Manlei, die malabarischen Prinzessinnen, das Märchen von der Tonne,
