 große Empfindsamkeit an Abderiten
befremdlich vorkommt, den ersuchen wir höflichst - zu bedenken, dass sie, bei
aller ihrer Abderiteit, am Ende doch Menschen waren wie andre; ja, in gewissem
Sinn, nur desto mehr Menschen - je mehr Abderiten sie waren. Denn gerade ihre
Abderiteit machte, dass es eben so leicht war, sie zu betrügen, als die Vögel,
die in die gemalten Trauben des Zeuxis hineinpickten; indem sie sich jedem
Eindruck, besonders den Illusionen der Kunst, viel ungewahrsamer und
treuherziger überließen, als feinere und kältere, folglich auch gescheutere
Leute zu tun pflegen, als welche man so leicht nicht verhindern kann, durch
jeden Zauberdunst, den man um sie her macht, durchzusehen.
    Übrigens macht der Verfasser dieser Geschichte hier die Anmerkung: Die große
Disposition der Abderiten, sich von den Künsten der Einbildungskraft und der
Nachahmung täuschen zu lassen, sei eben nicht das, was er am wenigsten an ihnen
liebe. Er mag aber wohl dazu seine besonderen Ursachen gehabt haben.
    In der Tat haben Dichter, Tonkünstler, Maler, einem aufgeklärten und
verfeinerten Publico gegenüber schlimmes Spiel; und just die eingebildeten
Kenner, die unter einem solchen Publico immer den größten Haufen ausmachen, sind
am schwersten zu befriedigen. Anstatt der Einwirkung still zu halten, tut man
alles, was man kann, um sie zu verhindern. Anstatt zu genießen, was da ist,
raisonniert man darüber, was da sein könnte. Anstatt sich zur Illusion zu
bequemen63, wo die Vernichtung des Zaubers zu nichts dienen kann, als uns eines
Vergnügens zu berauben: setzt man ich weiß nicht welche kindische Ehre darin,
den Philosophen zur Unzeit zu machen, zwingt sich zu lachen, wo Leute, die sich
ihrem natürlichen Gefühl überlassen, Tränen im Auge haben, und, wo diese lachen,
die Nase aufzurümpfen, um sich das Ansehen zu geben, als ob man zu stark oder zu
fein oder zu gelehrt sei, um sich von so was aus seinem Gleichgewicht setzen zu
lassen. -
    Aber auch die wirklichen Kenner verkümmern sich selbst den Genuss, den sie
von tausend Dingen, die in ihrer Art gut sind, haben könnten, durch
Vergleichungen derselben mit Dingen anderer Art; Vergleichungen, die meistens
ungerecht und immer wider unsern eignen Vorteil sind. Denn das, was unsre
Eitelkeit dabei gewinnt, ein Vergnügen zu verachten, ist doch immer nur ein
Schatten, nach welchem wir schnappen, indem uns das Wirkliche entgeht.
    Wir finden daher, dass es allezeit unter noch rohen Menschen war, wo die
Söhne des Musengottes jene großen Wunder taten, wovon man noch immer spricht,
ohne recht zu wissen was man sagt. Die Wälder in Tracien tanzten zur Leier des
Orpheus, und die wilden Tiere schmiegten sich
