, für einen weisen Mann zu halten. Dies folgt aus einer
Eigenschaft der menschlichen Natur, die schon zu Adams Zeiten bemerkt worden
sein muss, und gleichwohl, da Helvetius daraus folgerte - was daraus folgt,
vielen ganz neu vorkam; die seit dieser Zeit niemanden mehr neu ist, und dennoch
im Leben alle Augenblicke Vergessen wird.
 
                                Drittes Kapitel
                        Was Demokritus für ein Mann war
                                  Seine Reisen
                          Er kommt nach Abdera zurück
                 Was er mitbringt, und wie er aufgenommen wird
    Ein Examen, das sie mit ihm vornehmen, welches zugleich eine Probe einer
                         abderitischen Konversation ist
Demokritus - ich denke nicht, dass es Sie gereuen wird, den Mann näher kennen zu
lernen -
    Demokritus war ungefähr zwanzig Jahre alt, als er seinen Vater, einen der
reichsten Bürger von Abdera, erbte. Anstatt nun darauf zu denken, wie er seinen
Reichtum erhalten oder vermehren, oder auf die angenehmste oder lächerrlichste
Art durchbringen wollte, entschloss sich der junge Mensch, solchen zum Mittel -
der Vervollkommnung seiner Seele zu machen.
    »Aber was sagten die Abderiten zum Entschlusse des jungen Demokritus?«
    Die guten Leute hatten sich nie träumen lassen, dass die Seele ein anderes
Interesse habe, als der Magen, der Bauch und die übrigen integranten Teile des
sichtbaren Menschen. Also mag ihnen freilich diese Grille ihres Landsmannes
wunderlich genug vorgekommen sein. Allein, dies war nun gerade was er sich am
wenigsten anfechten ließ. Er ging seinen Weg fort, und brachte viele Jahre mit
gelehrten Reisen durch alle festen Länder und Inseln zu, die man damals bereisen
konnte. Denn wer zu seiner Zeit weise werden wollte, musste mit eignen Augen
sehen. Es gab noch keine Buchdruckereien, keine Journale, Bibliotheken,
Magazine, Encyklopädien, Realwörterbücher, und wie alle die Werkzeuge heißen,
mit deren Hilfe man jetzt, ohne zu wissen wie, ein Philosoph, ein Kunstrichter,
ein Autor, ein Alleswisser wird. Damals war die Weisheit so teuer, und noch
teurer als - die schöne Lais. Nicht jedermann konnte nach Korint reisen. Die
Anzahl der Weisen war sehr klein; aber die es waren, waren es auch desto mehr.
    Demokritus reiste nicht bloß um der Menschen Sitten und Verfassungen zu
beschauen, wie Ulysses; nicht bloß um Priester und Geisterseher aufzusuchen, wie
Plato; oder um Tempel, Statuen, Gemälde und Altertümer zu begucken, wie
Pausanias; oder um Pflanzen und Tiere abzuzeichnen und unter Klassen zu bringen,
wie Doctor Solander: sondern er reiste, um Natur und Kunst in allen ihren
Wirkungen und Ursachen, den Menschen in seiner Nacktheit und in allen seinen
Einkleidungen und Verkleidungen, roh und bearbeitet, bemalt und unbemalt, ganz
und verstümmelt, und die übrigen Dinge in allen ihren Beziehungen auf den
Menschen, kennen zu
