
Haarbreit vom Falle schied, und die ihn jedesmal kräftig zurückzogen, diese
Grundsätze habe ich in ihn gelegt! diese Lenkung seiner Ehrbegierde auf
nützliche, große, wichtige Dinge hat er mir zu danken! Diese brennende Wärme des
Herzens habe ich zuerst angefacht, diese vernünftige Schätzung der
Glückseligkeit ich ihn gelehrt! Diese Offenheit des Charakters, die für jeden
liebenswerten Gegenstand der ganzen Natur sich aufschliesst, diese weitumfassende
Sympatie, die an allem teilnimmt, was edles Vergnügen gibt und nimmt, diese
wahre richtige Empfindsamkeit ohne Künstelei und Zwang - dieser ganze
vortreffliche Mensch ist die Frucht meiner Erziehung! Glücklich, wem so für
seine Mühe gelohnt wird!
    Vergib mir diese Ruhmrätigkeit! es ist die Prahlerei der Liebe, weder
Eitelkeit noch Schmeichelei spricht aus mir. Wie soll man sich nicht von Freude
und Wonne, von Stolz begeistert fühlen, dass man zwo so edle Seelen wie Dich und
Ulriken gebildet hat? Soll man nicht den Guten preisen, dass er Verführung
überwand und aus dem Taumel der Jugendjahre sich zu der Vollkommenheit
emporarbeitete, wozu ihn die Natur bestimmte? - Ja, ein Jahr meines Lebens gäb
ich für das Entzücken dahin, Dich an Deinem Hochzeitstage neben Ulriken gesehen
zu haben: welch ein Bild! Ulrikens fröhliche Lebhaftigkeit neben Deinem heitern
Ernste! - Wie freu ich mich, als wäre ich neu geboren, dass mich Dein Brief aus
einer Verblendung riss, worein mich, ich weiß nicht welcher Wahn, versetzte! Ich
habe Dich verkannt, Dich für einen Bösewicht, für einen verderbten Spötter,
einen Verächter der heiligsten Freundschaftsrechte, einen verstockten Verführer
gehalten: ich habe an Deiner Bestrafung gearbeitet, und, wie ich sehe, Dein
Glück veranlasst, indem ich Dich ins Elend bringen wollte: ich bekenne mein
Vergehen, und ob Du mir gleich großmütig mit Deiner Verzeihung zuvorgekommen
bist, so will ich sie doch durch meine tiefste Reue jetzt zu verdienen suchen.
Ich handelte aus Irrtum: so schwach ist der Mensch, dass auch Leute, die aus
allen ihren Kräften sich der Billigkeit und Menschenliebe befleissigen, sie oft
gröblich beleidigen, selbst indem sie sich einbilden, sie auf das
gewissenhafteste auszuüben. Die Vorsicht hat richtiger geurteilt als ich elender
Sterblicher: sie hat durch ihre Führung meinen Irrtum widerlegt. Wohl mir! dass
ich einen Mann wieder lieben darf, den ich eine Zeitlang mit Betrübnis hassen
musste! Ich bin wie ein Vater, der sein einziges Kind für ermordet von den Händen
der Räuber achtete und es plötzlich voll Leben und Wohlsein wiederfindet.
    Der Rest meines Lebens soll mir nunmehr wie Jugendtage verfliessen, zwar
einsam, ohne Freund und Gattin um mir, aber doch ruhig, in ländlicher Stille und
Zufriedenheit. Anfangs hielt mich übertriebne Gewissenhaftigkeit von der Ehe ab,
und dann ließ mich zu
