 jetzt?
    Nächstdem hatte sich in der Kummerperiode seiner Ökonomie und in den sechs
Wochen seines Witwerstandes der Ehrgeiz wieder bei ihm emporgearbeitet: er
fühlte, dass seine Kräfte weit über alles waren, was er bisher tat und unternahm:
Vergnügen, Spiel, Liebe füllten seine Tätigkeit nicht ganz aus. Er selbst war
bei allen bisherigen Entwürfen, Empfindungen und Handlungen das letzte Ziel
gewesen; und gleichwohl hatten die Beispiele großer berühmter Männer und die
darauf gestützten Grundsätze, die ihm Schwinger in seiner ersten Jugend
vorlegte, ihn eine weitere Sphäre kennengelehrt, wo man Wirkung außer sich
verbreitet, wo für den Vorteil andrer durch unsre Tätigkeit etwas entsteht, wo
nicht bloß zwei oder drei Menschen erkennen und empfinden, dass wir da sind,
sondern tausend und mehrere den Einfluss unsers Daseins fühlen. - Er hatte bis in
sein sechzehntes Jahr den Grafen Ohlau als die Seele eines ganzen Hauses Befehle
austeilen und Anordnungen machen sehen: wie sollte sich in seinen tätigen Geist
nicht die Begierde, zu herrschen, eindrücken? die Begierde, andre Menschen, wo
nicht nach seiner Vorschrift, doch wenigstens nach seinem Muster denken,
empfinden, reden, handeln zu sehen? - Die Pracht des Grafen, seine Gewohnheit,
alles mit Feierlichkeit oder Aufsehen zu tun, teilte der richtiger gestimmten
Seele des jungen Herrmanns zwar nicht die Liebe zur Kleiderpracht, zu schönen
Equipagen, wohlbesetzten Tafeln und ähnlichen Herrlichkeiten mit, aber doch das
Verlangen, durch seine Handlungen Aufmerksamkeit und Bewunderung zu erregen. -
Die Wichtigkeit, womit ihn die Gräfin anfangs behandelte, erweckte und nährte in
ihm die eigne Idee von seiner Wichtigkeit; und da ihn in der Folge wegen seiner
geringen Umstände niemand wichtig finden wollte, so wuchs der Wunsch, es zu
werden, desto mehr in ihm. Der Mangel an Vermögen und Geburt ließ es ihm gar
nicht einkommen, alle diese Wünsche und Begierden auf die nämliche Weise wie der
Graf Ohlau befriedigen zu wollen: halb aus Neid setzte er die Weise, wie sie der
Graf befriedigte, sogar bei sich herab: er wurde also notwendig nach den Dingen
hingetrieben, die Schwinger seiner Ehrbegierde vorhielt, nach guten, edlen,
nützlichen Handlungen: die Spiele seiner ersten Jahre mit den römischen und
griechischen Gipfköpfen, wo er so viele politische Anordnungen und
Staatsgeschäfte besorgte, bestimmten gewissermaßen die Art der guten und
nützlichen Handlungen, das Feld, wo er glänzen wollte. Die Verachtung, worin
er nach dem vorübergerauschten Taumel der hochgräflichen Gewogenheit seine
Jugendjahre zubrachte, gab ihm immer mehr Geringschätzung der äußerlichen
Vorzüge und seiner Ehrbegierde immer mehr die Richtung, die sie bereits
anderswoher empfangen hatte. Die republikanischen Ideen, die er aus seiner
Lektüre in seinen Gipssenat übertrug und seiner Phantasie so geläufig machte,
dass er mit der lebhaftesten Teilnehmung Empörungen dämpfte, Rebellen
