. Vorgenommen ist nicht getan! So kann ich dich vor der Narrheit
bewahren. - Ein Mensch von deinem Alter, deiner Figur, deinem einnehmenden Wesen
will die Liebe verschwören? - Man wird sich zu dir drängen, dich bestürmen, dir
die Liebe aufzwingen: siehst du nicht, wie man mich neidisch anschielt, wenn ich
mit dir fahre, mit dir gehe? wie alle Augen auf dich nur gerichtet sind? wie die
Damen sich zischeln, dich anlächeln, dir gern gefallen möchten? wie alle vom
höchsten und niedrigsten Stande stehnbleiben, wo sie dich erblicken, dir
nachsehen, einander halbleise zurufen: »Ah, ein allerliebster Mensch! ein sehr
schöner Mensch! ein Mensch zum Küssen! zum Aufessen!« - und dabei fliegt dir
mancher Seufzer, mancher zärtliche Blick entgegen. Vor zwei Tagen lorgnierte
dich eine alte, alte Dame in der Komödie so lüstern, so schmunzelnd, als wenn
sie durch deinen Anblick wieder verjüngt würde: - Und ein so allgemein geliebter
Mensch will der Liebe entsagen? Wie lange wird man dich denn das Gelübde halten
lassen? - Siehst du nun die Torheit ein? - Liebe, liebe und lass dich lieben!
Wenn du nicht mehr lieben kannst, dann tue dein Gelübde! Itzt genieße der
Liebenswürdigkeit, womit dich die Natur nicht umsonst beschenkt hat!
    Herrmann. O Vignali! Sie sind eine verführerische Frau. Vignali. Aber doch
zu deinem Besten, zu deiner Glückseligkeit? - In unaufhörlichem Taumel
überfüllender Freuden, von Vergnügung zu Vergnügung hineilend, immer überflüssig
reich an Wonne, stets geniessend und doch nie gesättigt, immer nach neuer Lust
lechzend - nennst du das keine Glückseligkeit?
    Herrmann. Schweigen Sie, Vignali! Sonst schwatzen Sie mir meine ganze
Vernunft hinweg.
    Vignali. Ah, quel drôle! Was willst du denn nun vollends gar mit der
Vernunft? Was geht dich die Vernunft an? - Lerne von mir, was leben heißt und
wie man leben
    muss! -
    Sie erzählte ihm nunmehr eine Menge verliebter Geschichten, die sie bei
ihrem Aufenthalte in Paris erlebt hatte, malte ihm die wollüstigsten Szenen mit
Freiheit und ohne Schleier und unterrichtete ihn in allen Geheimnissen der
Buhlschaft, dass er in diesem einzigen Abende Kenntnisse erlangte, die ihm Paris
in Jahren nicht hätte verschaffen können. Die Schamröte, die zu Anfange ihrer
Erzählungen seine Wange färbte, verwandelte sich bald in das glühende Rot eines
innern Wohlgefallens, und in allen Muskeln des Gesichts drückte sich das
Arbeiten seiner aufgeregten Phantasie aus. Er fühlte ungekannte Regungen, ein
Feuer, das tief ins Mark drang: alle Fibern waren vom süß hinabschleichenden
Weine gespannt, Blut und Lebensgeister liefen in übereiltem, gedrängtem Tumulte
durch Adern und Nerven und ungeheure Massen von üppigen Bildern rasch und dicht
hintereinander
