 wollten mit frischem Munde, und,
dass ich so sage, in einem ganz begierdenlosen Zustande sie kosten. - Was meinen
Sie, mein Freund, sollte man von hier aus nicht weiter gehen, und mit Sicherheit
behaupten können: dass ein gewisser Mittel-Zustand; ein Zustand, worin die
Kräfte des Menschen wie in nüchternem Erwachen, frei und unbefangen sind: für
ihn auf alle Fälle, so wohl zum Genuss als zur Wahl die schicklichste Fassung
sei?
    Nun, antwortete ich lachend, wir machen ja ein ordentliches Platonisches
Gespräch; und da Sie den Sokrates vorstellen, so warten Sie, dass ich meinen
Bleistift nehme, um Ihre Reden aufzuschreiben.
    Schreiben Sie nur, erwiderte Henriette, ich will sehen, dass ich fortrede,
ohne Antwort von Ihnen zu bedürfen.
    Damit fing sie an, und brachte, mittels eines kurzen Überganges, mein
System von den Mängeln des Weiblichen Characters auf die Bahn. Sie zeigte, dass
diese Mängel zusammen, am Ende nur auf Einen Hauptmangel, auf den Mangel - an
sinnlicher Begierlichkeit hinausliefen: Und sie bewies, dass eben dieses Mangels
wegen das weibliche Gefühl weit reiner, schärfer, vollkommener sei als das
männliche; die wahren Eigenschaften der Dinge, ihren innerlichen und
verhältnissmässigen Wert zuverlässiger unterscheide; dass endlich, und eben dieses
Mangels wegen, in einer weiblichen Seele jede schöne Bewegung leichter
hervorkomme, ungehinderter und dauerhafter würke.
    »Da alle wichtige Geschäfte des Lebens in Euren Händen sind,« fuhr sie fort,
»so habt ihr mehr Übung, mehr Erfahrung, (des sorgfältigen Unterrichts zu
geschweigen, den ihr von Kindesbeinen an genießt): - Aber bei Gelegenheiten, wo
Euch alles dies verlässt; wo ihr mit uns in gleichem Fall Euch befindet; wer von
uns sieht da richtiger und weiter; wer ahndet tiefer und schneller? ...«
    »Neben Euren andern Sinnen habt Ihr auch ein Herz, und seid der edelsten
Entschlüsse fähig. Ich will sogar Euch zugeben, wenn Ihr wollt, Euer Herz sei
größer, als das unsrige. Was hilft es, wenn seine Stimme durch den Tumult Eurer
Begierden beständig unterdrückt wird? - Dass Ihr irgendwo in alleiniger Rücksicht
des Edelen und Schönen handeln solltet; und Euren Leidenschaften entgegen: daran
ist nicht zu denken: Leidenschaft muss überall Euch unterkrücken, - selbst in der
Freundschaft: Wo Ihr nicht eifert, da seid Ihr kalt und tot!«
    »Hingegen ein Weib. ... Aber das begreift Ihr nicht, das seht Ihr nicht, -
das lästert Ihr sogar; - lästert, weil Ihr selber nur nach Lust schnaubet; ohne
die Brille der Begierde keine Schönheit wahrnehmen; ohne Zwang der Leidenschaft
Euch an niemand hingeben; in ihrem heftigsten Rausche nur Euch selber
